Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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stände- zur Zeit .der Napoleonischen
Naübpolitik der kirchlichen Kilnst auf ein
Jahrhundert hinaus den Lebensnerv ab-
geschnitten hat, und dementsprechend, rein
vom Standpunkt der Kulturinteressen aus
betrachtet, eine nie gutzumachende Ver-
sündigung an der Kultur der Neuzeit ist.

Die geschichtliche Abteilung mar im
großen ganzen gilt beschickt. Es liegt in
der Natur der Sache, daß der Löwen-
anteil quantitativ und qualitativ ans die
katholische Kirchenkuust fällt; denn was
von protestantischer Seite hier ausgestellt
wurde, stammt, soweit es wertvoll ist,
mit wenigen Allsnahmell aus katholischer
Zeit. Dieser geschichtliche Teil ist allerdings
lückenhaft. Einmal mußte von größeren
Stücken, wie Altären, Sakramentshäus-
chen, Chorgestühleu aus der Gotik ab-
gesehen werden. Anderseits mochten nicht
wenige Geistliche von dem an sich ganz
richtigen Empfinden ausgegangen sein,
daß kirchliche hochgeweihte Gefäße, die
nach der strengen Vorschrift der katho-
lischen Kirche nur die geweihte Hand des
Priesters berühren darf, die ferner noch
inl lebendigen Gebrauch sind imb heute
noch die Bestimmung haben, dem eucha-
ristischeu Gotte zu dienen, nicht Gegen-
stände einer kunstgewerblichen Ausstellung
sein sollen. Von diesem Gesichtspunkt
aus betrachtet, rnöchteu wir auch eine
Wiederholung nicht sobald wieder als
wünschenswert bezeichnenh). Das katho-
lische Empfinden ist in solchen Dingen
feinfühlig.

Und noch Eins l Es besteht im ka-
tholischen Volk allmählich ein überaus
großes Mißtrauen gegen Stuttgart. Ich
konstatiere diese Tatsache, ohne ihre
Gründe zu erörtern. In nicht wenigen
Fällen hörte man die Besürchtnug äußern :
die Ausstellung solle doch nur die Ein-
leitung bilden zu einer bevorstehenden
neuen Beeinträchtigung der Besitzrechle der
katholischen Kirche. Denen, welche solchen

' *) Vom kirchlich-liturgischen Standpunkt aus
ist es ganz unverständlich, wie einige Reli-
qpiarien ansgestellt werden konnten, ohne
d a ß IN a n zuvor die R e l i q u i e n h e r a u s-
g i n o m m e n hatte. — Hätten die betreffenden
Herren die geistreichen Bemerkungen und „Witze"
gewisser-Besucher in Stuttgart darüber gehört —
sie würden vielleicht selbst empfunden haben, das;
sie einen Fehler gemacht haben.

Arpwohn hegten, aber auch denen, ivelche
aus der Generalversammlung mit ihrem
Beifall nicht kargten, mögen in diesem
zeitlichen Zusammentreffen vielleicht Mt*
Worte auffallend erscheinen, welche der
staatliche Landeskonservator Dr. Grad -
m a n u soeben in seinem neuen Heftchen
„Dorfkirchen" niederschrieb. Sie lallten
— audite et atte'ndite! — : „Was noch
fehlt, ist eine st a a t l i ch e oder k ir ch -
liche G e s e tz g e b u ll g, die die kirch-
lichen Baudenkmäler kamt ihrem
Inventur ein ent wirksamen Schutz
n n b fachmännifcDer Aufsicht unter-
stellt, NM die V er ällß erllilg lllld
V e r b a l l h o r n ll u g der Denkmäler
unlnöglich zll lila che ll')." Mau fragt
sich ilnwillkürlich: „Was geht hier vor?"
Soll die früher vorgenonlinene Jnvelitari-
sierung nur die erste Etappe zu weiteren
Maßnahnlen gewesell sein? — Dies,
sowie der Umstand, daß liialiche wertvolle
Stiicke nicht entbehrt werden konnten, sind
die Gründe, mar um diese historische Ab-
teilung lückenhaft blieb. Aber auch so,
wie sie zustande kam, war sie geeignet,
eili Bild imponierelider Größe und nus-
erleselieu Geschmacks darzustelleu. Man
kann sich in der Tat kailiu satt sehen all
diesen mnstergültigeu Leistungen. Prof.
Pazaurek hebt mit vollem Recht ben be-
deutsamen Anteil hervor, welchen die
großeli Benediktinerklöstkr Süddeutschlands
zu Alpirsbach, Coiilburg, Blaubeureu,
Jsny, ^orcb, Neresheim, Ochsenhallsen,
Weingarten, Zwiefalten, aber auch die
Zisterzienser und die übrigen Orden all
der, Ausbilduug der Architektur, der Pla-
stik, Malerei, uub vor allem des Kunst-
geiverbes genommen haben.

Unter den ausgestellten Stücken nehmen
die Arbeiten der kirchlichen Goldschmiede-
klliist speziell der gotischen Zeit des

') Lluch Professor Pazaurek hat im „Ka-
talog" Seite 9 einen Satz, der mehr von
ferne ähnlich' töm: „Schade, das; die im
Kirchenbesitz befindlichen Figuren meist unter
den schlechten, späten oder neueren Ueber-
malungen leiden, die eigentlichen Schön-
heiten nur schwer erraten lassen." — Wo zielt
das hin? Und weiter S. k3: „In Reutlingen
hat man den besten Ausweg gefunden, die
nicht mehr gut erhaltenen gotischen Kirchen-
gewände (!) d e m dortigen Museum zu
ü berweise n."
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