Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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14. und 15. Jahrhunderts den größten
Raum ein. Gmünd, Scheer, Wangen,
Etlunrngen, Weil der Stadt ltfio. ragen
hier besonders bedeutsam hervor. — Dazu
kommen die glanzvollen Stücke aus der
Vorockzeit, der künstlerischen Blütezeit der
Klöster Oberschwabens. Die Textilien
wnien in Ravensburg etwas zahlreicher
beisammen. Aber auch das, tvas nach
Stuttgart kam, vermittelt einen hocher-
sreulichen Einblick in die unverdrossene
klösterliche Arbeit im Dienste Gottes unb
der Kunst.

Was an Handschriftenillnminationen
da ist, ist so spärlich unb. fragmentarisch,
daß man vielleicht am besten davoit ab-
gesehen hätte.

Gute Stticke — und selten gesehene
dazit — bietet die Holzplastik, sür welche
in dankenswerter Weise besonders Th.
Schnell in Ravensburg und L ö w e n -
t h a l in Stuttgart (neben den betr. Kir-
chenverwaltnngen und einzelnen andere:!
Privaten) in reichen! Maße ihre großen
Sammlungen zur Verfügung stellten.

Es ist ein von Prof. Pazanrek immer
wieder ausgesprochener Lieblingsgedanke:
daß die Ausstellung aneifern solle, in
gleicher Weise, wie die Alten es taten, das
kirchliche Knnstgeweibe zu fördern; aber
„frei von aller sklavischen Nachahmung
historischer Forinen werden wir trachten
müssen, ans den: Geiste unserer Zeit
heraus der Kirche ebenso bedeutende ästhe-
tische Qnalitätswerte znznführen, wie wir
sie in den Werken ans früheren Jahr-
hunderten auf unserer Ausstellung zu be-
wundern Gelegenheit haben" (S. 20).
Er ist auch überzeugt davon, daß „un-
sere Religionsgenossenschasten hier Bei-
spiele finden können, wie ihren Bedürf-
nissen von! Standpunkte des modernen
Künstlers und Kunstgewerblers ganz gut
entsprochen iverden kann, ohne daß
man zu historischen Schmnekele-.
menten §n greife n b r a u ch 1" (S. 4).
— Gegen den eisten Satz wild grund-
sätzlich nicht viel einznwenden sein.
Aber dem zweiten Satz vermag ich mich
nicht ohne Einschränkung anznschließen.
Denn nicht nur finden sich in der neuen
Abteilung eine Reihe von plastischen
Werken, die ganz entschieden — ich rechne
ihnen das durchaus nicht als Fehler an

— in Anlehnung an historische Stile ge-
arbeitet sind, sondern auch in der Architek-
tur selbst, und zwar in der protestantischen,
findet sich mehr als ein „Schmnck-
element", das seine Parallelen oder
direkte Vorbilder an romanischen oder
barocken katholischen Kirchenbanten hat.
Sowohl Schuster (nt Katalog) als Pro-
fessor Pazanrek (in seiner Rede ans der
Generalversammlung) tun sich viel dar-
auf zugute-, wie- herrlich weit es die
neuen Tendenzen speziell der protestan-
tischen Kirchenarchitektur gebracht, wo-
gegen die stilnachahmenden Arbeiten —
und speziell die ganze in Württemberg
geübte katholische Kirchenbaukunst- a li-
mine abgewiesen wurde, eine Behand-
lung, die darin znm Ausdruck kam, daß
ans einen - früheren Beschluß des Konsisto-
riums alle stilnachahmerischen Arbeiten
sollten ausgeschlossen sein, ein Beschluß,
der, wie es scheint, auch als für die katho-
lische Kirchenarchitektnr -maßgebend be-
trachtet wurde: ein rechtlich und sachlich
gleich haltloser Standpunkt, wie wir gleich
dartun werden. So kam es denn, daß
die Architektur protestantischerseits drei
Säle bezw. Sälchen ausfüllte, die katho-
lische eine — ganze Wand.

Professor Pazanrek führte in seiner
Rede anW): daß die katholische Kirche
im allgemeinen in ihrer Stellung zu den
historischen Stilarten konservativer sei
als die protestantische; letztere habe sich
der „neuen Bauart" in ausgiebigstem
Maße bedient und sei nach seiner Au-
ll cht in der Architektur weiter vorange-
scbritten als „die katholische Kirche"
(sie!). Der Referent erhob die For-
derung, daß auch die katholische Kirchen-
architektnr sich aus den festen Klammern
des historischen Baustils, in denen sie
immer noch stecke, befreien solle. Der
Puritanismus in der protestantischen
Kirchenarchitektnr sei verschwunden; der
Baustil, den diese Architektur allmählich
angenommen habe, sei künstlerisch so aus-
geprägt, daß diese Bauten muster-
gültig leien2).

Der Gesichtswinkel, unter dem Herr
Pazanrek hier die Dinge betrachtet, scheint

0 Vgl. „Deutsches Volksblatt" 191t, Nr. 201.

2) Ich zitiere hier den Bericht, der im „Deut-
schen Volksblatt" 1911, Nr. 204 erschien-
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