Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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sich doch verengert und etwas verschoben
zu haben. Es ist doch fast gu seltsam:
ans Grund von ein paar architektonischen
Abbildungen aus dein Landstückcheu
zwischen den schwarz-roten Grenzpfählen
einen großen Gegensatz zwischen den Bau-
grundsätzen der katholischen Kirche und der
protestantischett Kirchenarchitektnr kon-
struieren zu wollen, und uns mehr oder
minder liebenswürdig ins Gesicht ztt sagen:
wie entsetzlich „inferior" wir seien. —
Und ans Grund davon sollen wir wieder
einmal hinter deit „vorbildlichen" Prote-
statllen dreinlanfen! Aber was ist es
denn mit der „neuen Bauweise" und mit
der „Vorbildlichkeit" des protestantischen
Kirchenbiustils?

Um Mißverständnissen rorzubengen,
möchte ich vorausschicken, daß ich per-
sönlich auf dem Standpunkt der Freiheit
für jede Stilsorm, ob neue oder alte,
wenn anders sie nur künstlerisch und kirch-
lich einwandfrei ist, stehe. Ich will kei-
nem brauchbaren Versuch wehren, den
„neuen Stil" (übrigens ein höchst zweifcl-
hafter Begriff!) anzuwenden, so tveit er sich
mit den liturgischen Erfordernissen und
dent Geiste des katholischen Christentums
verträgt. Aber ich bin dagegen, daß
man uns Kirchenbauten aufreden und
anfdrängen will, von denen wir auf den
ersten Blick nicht sagen können, ob sie eine
Turnhalle, eine Schwimmanstalt, ein
SchasstaU,. eine Moschee, oder eine Syn-
agoge oder endlich — mit Verlaub! —
eilte katholische Kirche sein sollen. — Ich
bin auch dagegen, daß man mit denr
„neuen Stil" uns einen Geßlerhnt anf-
stecke, eine Stildiktatur ansrichle und ge-
waltsam und gewalttätig jede, wenn artch
noch so gute stilnachahmerische Architektur
unterdrücke und boykottiere. Ich stelle
mich grundsätzlich durchaus auf deir Stand-
punkt, den Professor Swoboda vor
einigen Tagen auf der Salzburger
Tagung für Denk nt alp fl ege und
Heimalschutz entwickelte: „Die Stile
haben einen natürlichen Eutwicklungswert,
und nicht int mindesten ettvas dogmatisch-
symbolischcs. Jeder Stil ist kirchlich
berechtigt. Diese Gleichschätzung der Stile
ist allerdings mit einer gewissen Reserve
anfzunehmen: wir haben einett Stil, den
wir höher schätzen, nicht weil wir seine

Stil formen kopieren wollen, sondern
tveil in ihm das Grnndthema aller spä-
teren Stilsormen angeschlagen wurde: es
ist dies der altchristliche Stil, die Slil-
form der Basiliken" *). So viel, tun
Mißverständnissen vorzubengen.

Und nun zu unserer Frage: Was hat
es denn mit dem „neuen", vorbildlich
sein sollenden „protestantischen" Stil auf
sich? — Es ist zunächst richtig, daß von
den neueren Architekten mehr Rücksicht
auf die malerische Gesamtwirkttng, auf
die Einfügrtng in Landschaft und Um-
gebung, ans die Rücksichtnahme auf histo-
rische Bauten an einem Orte gedtnugen
wird. Das ist — als akzidenteller
(ich betone das!) Gesichtspunkt gut und
löblich. Ich stimme darin auch Herrn
Pazartrek zu, daß in dieser Hinsicht un-
sere württembergischeu katholischen Archi-
tekten vielleicht noch ettvas mehr tun
sollten, als es bisher der Fall war, da
wenigstens, wo die Mittel ansreichcn.
(Das ist ein von Herrn Pazartrek wohl
kaum etwogeuer wichtiger Punkt, wovoit
nachher.)

Aber tvorin ist denn die geniale Vor-
bildlichkeit des neuen protestantischen Stils
ztt suchen? Sehe ich ttach den Detail-
formen, so finde ich kaum eine einzige,
die nicht ans irgend einem historischen
Stil geschöpft wäre, also der katholischst
Kirchenbaukunst entnommen wäre. Hie-
rin ist es nichts mit der „Vorbilolichkeit".
Ja noch mehr! Wie kommt man dazu,
nachahmerische Bauarten angeblich grund-
sätzlich auszuschließen — und dann doch
die Imitationen barocker oder barockisieren-
der Schöpsnngen — denn das und nichts
anderes ist eine Reihe der Eutivürse —
zuzulassen?* 2j Und wenn man doch seine
„Stimmnngswerlc" bei ben „vorbild-
lichen" kalholischen Barockkitcheu ent-
lehnt, so soll man nicht nachher uns
kommen und faßen: „Nun ahmt diesen
„vorbildlich" nachgeahmleu „nenett" prote-
stantischen Kirchenbanstil nach!"

Noch ein anderer Gedanke! Die

*) Bericht der „Köln. Volkszeitung" 1911,
Nr. 807 von: ^1. Sept. 1911.

2) Auch die au gestellten plastischen Werke
(Figuralplastik) sind so gut wie ausnahmslos
ftilnachahmcrisch, ohne daß ste der Ausstellungs-
guillotine zum Opfer gefallen wären.
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