Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Einzelformen keineswegs neu sei. Ich
könnte noch lueiter gehen und z. B. darauf
himveisen, daß der Entwurf von Oberbanrat
Eisenlohr zu einer protestantischen Kirche
für die Herzogin Wera auf der Villa
Berg doch wahrhaftig der verpönten stil-
nachahinerischetl Richtung keineswegs sehr
fernesteht. Man vergleiche einmal die
romanischen Apsiden mit der Kirche zu
Solignac bei Lirnoges, der runde
Tnrm bat seine Parallele an Notre
Dame la grande zrr Poitiers oder
dein Campanile zn Uzes. Es fällt mir
gar nicht ein, denr Schöpfer der Kirche
daraus einen Vorwurf zrr machen; ich
will mir zeigen, daß jenes unduldsame
Prinzip der Boykottierung der mittel-
alterlichen Stile doch nicht völlig dnrch-
gesnhrt werden konnte und in sich ver-
fehlt ist.

Worin besteht denn dann noch der
modern-protestantische Kirchenbanstil, den
rvir nachahmen sollen? Etwa in dem
Prinzip der malerischen Gruppierung, von
dem oben die Rede war? — Es wäre
erst zn untersuchen, inwieweit die prote-
stantischen Architekten in diesem Punkt
ihre Vorgänger nicht nur an den katho-
lischen Architekten der Barockzeit, sondern
auch an der neueren Münchener Schule
haben, die zumeist ihre architektonischen
Aufträge für katholische Kirchenbauten
erhielt.

So bleibt noch die Nanmverteilnng.
Gegenüber früheren protestantischen Bauten
hat der neuere protestantische Kirchenban
zweifellos eine bessere Anordnung der
Jnnenansstaltnng gefunden, die einerseits
seinen gottesdienstlichen Verhältnissen
entspricht, anderseits den Charakter als
„Ge m ei nd e kirch e" deutlich znm Aus-
druck bringt, der arrch durch die ent-
sprechende Gestaltung des Außenbaues
angestrebt wird.

Darin haben wir Katholiken nichts,
aber auch gar nichts nachznahmen. Die
Bedürfnisse und Erfordernisse, welche die
katholische Liturgie schafft mit ihrer
scharfen Betonung des Chorranmes als
Opferslätle, die hierarchische Gliederung,
die darin zum Ausdruck kommt, die
hieratisch-vornehme Art der Liturgie, der
der Kirchenban als Folie dient, die
Kirche als Gotte s Haus (nicht als

Gemein'deranm), die Stimmung der Ehr-
furcht, freudiger Erhebung, welche über
der katholischen Liturgie wie Sonnen-
glanz lagert, mnß auch in dem katho-
lischen Kirchenranm entsprechend zum Aus-
druck kommen. Ein Stiinmungsraum,
wie ihn Fischer in der protestantischen
Garnisonskirche in Ulm schuf, oder die
Ausstellung in ihrem recht wunderlichen
katholischen Kirchenranm, so granschwarz
düster, so voll niederdrückender Grabes-
traner und Misererestimmnng, kann für die
katholische Liturgie nie in Frage kommen.

Ans all diesen Gründen bin ich nicht
in der Lage, zn der eigentümlichen Zn-
mntnng, wir sollen jetzt hinter den prote-
stantischen Architekten dreintrolteln und in
Bewunderung vor der Snperiorität pro-
testantischer Kirchenarchitektur ersterben,
Beifall zn spenden. Wir haben ge-
nügend „Vorbilder", wenn nur solche
wollen, an unseren herrlichen frühen
und späten katholischen Kirchenbanten.
Im übrigen möchte ich unseren katho-
lischen Architekten sagen: Schaffet ruhig
weiter, frei ans dein Geiste der katho-
lischen Liturgie, gemäß den Bedürfnissen
und in Berücksichtigung der Leistungs-
fähigkeit unserer Gemeinden, frei ans eurer
Beherrschung aller Stilformen heraus:
von einer „sklavischen" Nachahmung kann
doch keine Rede sein. Nehmt — soweit
es möglich ist — ans die an sich be-
rechtigten Gesichtspunkte der malerischen
Gruppierung des Außen- und Jnnen-
baues Rücksicht, joweit immer die Mittel
dies erlauben. Für alte und neue Stil-
formen sei Raum, soweit letztere nicht
das Wesentliche am katholischen Kirchen-
bau lind die Grundidee des katho-
lischen Kirchenranms zu verdunkeln over
zu vermischen streben oder dem Geiste der
katholischen Liturgie inadäquat sind. Kein
Boykott der allen Stile, sondern der
Freiheit eine Gasse!

Noch eine Frage zn diesem Thema!
Steht das katholische Empfinden den stil-
nachahmenden Kircbenbauten in ganz
gleicher Weise gegenüber wie das prote-
stantische? Ich glaube, man wird diese
Frage rundweg verneinen müssen und
deswegen die Forderung zn stellen be-
rechtigt sein, katholischen und protestan-
tischen Kirchenban auch hinsichtlich der Stel-
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