Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Julie Reischle (Tübingen) ein wahres
Meisterstück geliefert.

So mag auch die neue Abteilung der
Stuttgarter kirchlichen Kunstausstellung in
mancher Beziehung erfreulich, anregend
und nachahmenswert bezeichnet werden
und ähnlich wie die alte Abteilung unfern
Künstlern einen neuen Ansporn geben, im
Dienste der heiligen Kirchenknnst sich zu
betätigen. Möge es immer so geschehen,
daß dabei stets als oberster Grundsatz
das künstlerische Schaffen beherrsche die
Losung:

„Lancia sarxckeP

Zum Schluß habe ich nur noch den
einen Wunsch: Möge die Ausstellung der
alten Knust nicht das — sicher nicht be-
absichtigte und gewünschte — fatale
Nebenergebnis haben, daß nunmehr ein
Ansturm der Antiquare schlimmer und
heftiger als je zuvor beginnt. Jedenfalls
möchten wir unsererseits herzlich bitten:
allen derartigen Versuchen von Anfang
an kräftig nub definitiv ablehnend zu be-
gegnen mit Berufung ans die bekannte
bischöfliche Verordnung.

Zllarirtoiis neue pafftonsffulpturen.

Von Dr. N. A. N.

Wen ans den S i g m a r i n g e r Fried-
hof, die so idyllisch auf der Höhe des
Donantals gelegene, so ernst von He-
dingens Kuppel, Fels und Bäumen be-
schattete Tolenstätte, Pflicht, Pietät oder
Nerrgierde hinzieht, und zilr Wanderung
drrrch die langen Reihen künstlerisch ver-
klärte Grabstätten weiter locken, dessen
wartet aur fernen felsigen Hintergrund des
Gottesackers eine Ueberraschnng, ein Kunst-
rverk eigenartig nach Material, Idee und
Anffassnng und Ausgestaltung, große,
monumentale Plastik, angemesserr der Weihe
des Ortes, und zweckmäßig beit lokalen
Verhältnissen akkommodiert: eine mo-
derrre Pieta gruppe.

Uno wenn nur, von der Eigenart rrud
Monumentalität dieser nenesterr Schöpfung
Marino ns überwältigt, beschaulich durch
die Gräberreihen zunr Ausgang eilen, ladet
still bescheiden znnr Verweilen ein gar ein-
faches, fast zu einfach aufgebantes Grabmal
ein, das ein marmornes Kleinod umrahmt:
ein Relief, irr dessen engen Raum eine

ganze Welt von Schurerz hineinkoiirponiert
ist: Passio — Compassio.

Und wer nah oder fern der fürstlichen
Residenz diese erstmalige Verkörperung
zweier großer Jdeerr am Orte ihrer ur-
sprünglichen Vestiinmnng zu besichtigen
nicht Gelegenheit nehmen kann oder will,
den führte vielleicht der Besuch der kirch-
lichen Kunstausstellung iir^der königlichen
Residenz Schwabens iu die Abteilung für
moderne Skulptur, wo er sich in der
Brasse des Ausftellnngsnlaterials eine
Weile des Nachdenkens vielleicht auch vor
den^Dupliken des Sigmaringer Kilirstlers
iir Stuttgart kosten ließ.

So verschiedeu auch die beiden hier auf
mehrfachen Wunsch augezeigteu und ab-
gebildeteir Skulpturen fein mögen nach
ihrem Stoff, ihrer Ausführung und Auf-
stelluug, so konform sind sie nach ihrer
Jace: beide ein steinernes Stabat Mater
dolorosa, nur mit verschiedenen Lettern in
Stein geschr ieben. Beide sind aus demselben
unerschöpflichen Ideenkreis der Passion
Christi geschöpft, nur daß das eine, die
Pieta, einem traditionellen Typus folgt,
das andere, ein Rundrelief, ein Werk
originaler schöpferischer Eingebung ist; das
Bild und des Bildes Text verrät es auf
den ersten Blick: Passio — Compassio,
Leiden, Milleiden, was die deutsche Sprache,
der monumentaleren lateinischen nicht ganz
ebenbürtig, also iir feiner ganzeil Höhe
und Tiefe voll wiederzngeben ohnmächtig
erscheint.

I.

Zunächst sei dem Meisterwerk inoderner
Großplastik ein Wort der Beschreibung rrud
Erklärung gewidmet. Die Pieta von Franz
Raver Marmon steht an der Felseuwand,
die den Friedhof von Sigmaringen nahe
der Hediuger Fürstengrnft weithin sichtbar
überragt, wie ein ernstes, hartes Leichen-
lrrch in Stein und Fels mit dein Schat-
ten seiner herbstlich fahl herabhängenden
Bäume das weile Totenfeld bedeckend. Zn
der Herbststimmuug paßt, gleich vorzüglich
von nah und fern gesehen, die Abtönung
des französischen Kalksteins voir Enville
(franz. Lothringen). Auf einer Saud-
steinbasis, die das biblische Molto des
Werkes angibt: „Groß wie das Meer ist
dein Schmerz", erhebt sich eine Gruppe,
die auf den ersten Blick den Beschauer
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