Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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aus der nächsten Nähe frappiert. In Le-
bensgröße wächst aus dem gewaltigen
Steinblock die Gestalt der Mutter heraus,
die sich über ihren tot auf dem Felsaltar
ruhenden Sohn beugt. Hart und herb,
wie die Natur der uubehaueuen Felsen-
uische, ist das Ruhebett; nicht der weiche
schützende Schoß der Mtltter ist des Toteu
Ruhestatt.

Nicht für eines Jmlenraumes Schutz und
Schirm, nein, nur für die fnum gewölbte
Felsennische abseits der Gräber ist die
Gruppe nach Material liub Form gedacht,
und um es gleich mit zu sagen, auch für die
von der Umgebung geforderte Feruwirkuug.
Und darauf ist die ganze Monumentalität,
wie sie erst wieder modernster Plastik der
Hildebrnudtschule eigen ist, berechnet: die
harte Linienführung, die Geschlossenheit
der Komposition, das Herbe der überall
sich begegnenden, sich stoßenden geometri-
schen Linien und Maße in Rechteck mtb
Dreieck. Dazu kommt die echt plastische Er-
füllung der natürlichen Bedingungen der
Kölperschwere und Körperhaltung, die der
früheren, die Gesetze der Plastik und der
Materialwahrheit überschreitenden Knnst-
übnng oft abhanden gekommen war und
durch Vortäuschung malerischer Effekte er-
setzt zu fein schien, die Rücksicht auf die
natürliche iutb architektonische Umgebung,
der Verzicht ans formale Schönheit in
Nahwirknng auf Kosten der Tiefe, des
inneren Gehalts, deren Mangel die reli-
giöse Kunst noch viel weniger ertragen
kann als die profane, gleichviel, ob der
Realisnrus oder der Idealismus solche
Aenßerlichkeit und Gehaltlosigkeit in ver-
goldeter Schale bieterr mag.

Darum auch unseres Künstlers Ver-
zicht ans alle „schönen" Falten in
Gewand und Drapierung, deren naher
Zauber selbst ein Meisterwerk Michel-
angelos in der Peterskirche jeglicher
unentbehrlicher Fernwirkrtng in solcher
Ranmdirnension beraubt hat und leider stets
noch beraubt. Die Probe im Sigmnringer
Friedhof bestätigt es ausfallend uitö über-
zengt selbst einen Klassizisten und klassi-
zistisch zu schauen und zu bewundern Ge-
wohnten, lehrt einen, was Monument
heißt, lehrt einen, was moderne, im Vor-
wärtsschreiten begriffene christliche Plastik
im Wetteifer mit ihrer Zwillingsschwester

erreicht hat und noch erreichen kann, ver-
stehen und schätzen. Aber man muß, wie
bei aller großen Plastik, überhaupt erst
sehen lernen, das an der malerisch-plasti-
schen Mache allzulang „versehene" Auge
wieder plastisch richtig einzustellen, wie es
die Antike uub die Renaissance geübt war.
Die Fähigkeit, den höchsten religiösen
Schmerz und die höchste religiöse Er-
gebung im Schmerz darznstellen uub heraus-
zufühlen, wird dann nicht zu teuer erkauft
sein durch den Verzicht auf äußerliche,
weiche, glatte Schönheit ohne Wahrheit.
Das sind ja die Gegensätze zwischen
germanischer und italienischer Knnst-
anffassung überhaupt, zwischen germa-
nischer uub romanischer Religionsauf-
fassnng schließlich auch: dort Streben

nach möglichster Wahrheit uub Tiefe des
Ausdrucks, hier überwiegender Sinn für
formale Schönheit. Kompromisse zwischen
beiden füllen das Knnstproblem von Jahr-
hunderte», durchdringeil auch die religiöse
Kunst der Gegenwart.

Manchem, bei» schließlich der tiefe,
große, monumentale Ausdruck höchster
religiöser Empfindung in unserem
Werke, wie ihn keine Abbildung,
am wenigsten die voit Skulpturen,
geben und vermitteln kann, anfgegangen
ist, Herz und Ang' dafür aufgeschlossen
ward, wird über eine andere Neuerung
des Künstlers, eines echten, gottbegnadeten
Bildhauers, staunen: Jesu Leichnam nicht
ans dem Schoß der Mutter, deren Mnl-
terschmerz nicht eine oft allzrt jugendlich
dargestellte Jungfranengestalt mindert, viel-
mehr auf dem Felsenqnader als Opfer-
lamm am Krenzesstamm gebreitet. Was
Anselm F e n e r b n ch in seiner Berliner-
Pieta an Monumentalität durch ähnlichen
Zug erreicht, hat Marmon in Stein nach-
gebildet mit erhöhter plastischer Wirkung
des Schmerzes, des höchsten, den es geben
kann: Trauer um den geliebten Sohn,
gemischt mit dem Jammer um den ge-
töteten Heiland. Auch Böcklin hat in
seiner vielnmstrittenen Darstellung jenen
monumentalen, natnrwahreren Zug ge-
wählt.

Es ist indes keine vollständige Neuerung
unserer neuesten Kunst. Fra Barto-
lomeo hat in seiner tiefergreifenden
Pieta in Florenz Jesu Leichnam ans einen
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