Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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mit weißem Tuch bedeckten Stein liegend
gemalt. Durch glücklichen Zufall fügte
es sich, daß ich gleichzeitig mit der Anzeige
des neuen Kunstwerks eine Notiz ans
einer alten Predigthandschrift zu Gesicht
bekomme, die unseres Künstlers Neuerung
als ein altes Problem der Ikonographie
des Mittelalters darstellt und rechtfertigt.
Hugo Weishanpt, regulierter Chorherr
von St. Florian (Oberösterreich), hat ans
dem reichen Handschriftenschatz der Stifts-
bibliothek Auszüge ans Salzburger
Predigten nur die Mitte des
15. Jahrhunderts in der Inns-
brucker Zeitschrift für katholische Theo-
logie^) veröf-
fentlicht, die
nach Stoff oder
Form Interesse
verdienen, da-
runter zum
Schluß einige
Stellen, in
denen Kritik an
bildlichen Dar-
stellungen ge-
übt wird. So
wendet sich im
15. Jahrhun-
dert ein Pre-
diger am Kar-
sainstag in sei-
nem in der
Ueberschriftals
sermo utilis
bezeichneten
Exkurs H über
die Grableg-
ung nndHöllen-
fahrt Jesu gegen jene Bilder, die Maria
mit dem Leichnam Jesu auf ihrem
Schoß darstellen:

„Aliqui dicunt, quod Maria sta-
tim recepit corpus Christi super
sinum, ans ihre schos, sicut adhucdepin-
gitur apud nos. Sed non est verisi-
mile, versechlich, quod hoc si factum
luerit quod eum recepisset ans ire
schos, quia corpus valde grave fuit
et cum hoc valde distortum et san-

h 1911 H. HI. f. S. 522 ff.

2) ebenda S. 561 aus Handschr. 323 Fol. 61 b:
Sabbato Sancto sermo.

guinosum propter flagellacionem.
Sein leichnam ist gewesen plnetig und
unsauber von dem verspeiben der Inden
und siegen, wen sein Antliz was alles mit
pluet unterlaufen von den slegen und dar
zue heten si im unter die Angen ge-
spiben, das er oller unsauber war und
grausam anznsehen und plnetig, das Maria
ein grauen ob im Hab gehabt et non
recepit super sinum vel hum er um
eius. Aber Maria, Mater Christi, Hab
sich gesezt ad caput Christi et corpus
Christi posuit super sinum eius, auf
ir schos."

Wenn wir auch die Motive des ano-
nymen Salz-
burger Pre-
digers nicht in
allweg begrün-
det finden kön-
nen, so ist doch
diese Neaktion
gegen eine wohl
um jene Zeit
weit verbrei-
tete, in Wort
und Kunst an-
gewandte Le-
gende, eine po-
etische, sinn-
reiche Weiter-
bildung des
evangelischen
Berichts von
der Kreuzab-
nahme, wohl
beachtenswert,
noch mehr im
Hinblick anfun-
seren Vorwurf. Ich meine, die bestimmte
Erklärung des Autors, Maria habe den
Fronleichnam nicht auf ihren Schoß ge-
nommen, sondern zu Häupten Christi
sich gesetzt und das Haupt auf ihren

Schoß genommen, weniger rvegen des
vom Autor hervorgehobenen Grauens ob
des blutigen, unsanbern, verspienen

(„verspeiben"), grausam anznsehenden

Leichnams, eher wegen der Schwere und
Zerquetschung, am ehesten ans anato-
mischen Gründen, die die Haltung eines
toten Köipers nach Art vieler alter und
neuer Pietadarstellnngen als unmöglich
erscheinen lassen.

M a r ni o n, Kassio — Compassio.
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