Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 111
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in

Schrein in Gestalt eines Hauses. Wehl
gab man den Neliqniarien schon in der
ersten Hälfte des Mittelalters hie uitb da
anch die Fornl der in ihnen liegenden
Neste eines Heiligen, doch war dieses nur
selten der Fall. Erst seit dem 13. bezw.
14. Jahrhundert gewöhnte man sich daran,
den Leib eines Heiligen in einen großen
Schrein, das Haupt desselben in eine
Büste ans Metall, Teile der Hände und
Arme in armförmige Neliqniare zu fassen;
ja man hat in der gotischen Zeit immer
neue Formen für Aufbewahrung von Ueber-
bleibseln der Heiligen erfunden. Sehr
häufig ließen reiche Kirchen silberne ltitb
goldene Statuen der Heiligen verfertigen
und bargen in denselben deren Reliquien.
Vielfach gab man den Heiligen auch kleine
Kapseln in die Hand oder befestigte kleine
Medaillon ans ihrer. Brust, worin dann
die Reliqnien-Partikeln gelegt wurden.
Jul 15. und 16. Jahrhundert wurden
die heiligen Reste gar häufig in Osten-
sorien, Monstranzen, Kreuzen, wie anch in
Türmchen und in silbernen Drachen anfbe-
wahrt. Zu Reliqnienbehältern benützte inan
sogar Elefantenzähne, Hörner, Straußen-
eier, Kokosnüsse wie andere seltene Dinge,
die inr Innern einen hohlen Raum boten,
ltitb paßte sie dann durch Verzierung und
Einfassungen und dergleichen ihrenr
Zwecke an.

Kehren wir nach dieser kurzen Ab-
schweifung znm Altshanser Reliqniar
zurück, so hat dasselbe ganz die Fornr der
im Acittelalter üblichen Sarkophage, und
ist, wie die meisten ans jener Zeit, ans
Metall, Kupfer, Silber, oft mit starker
Vergoldung verfertigt. Anch die Orna-
mente, die Filigranarbeiteri an demselben,
die figürlichen Darstellungen in gravierter
Arbeit gehören denr romanischeil oder
wenigstens denr Uebergangsstil an.

Für letztere Stilzeit spricht gleichsfalls
die Anordnung der Bilder an
unserm Reliqniar. Dasselbe hat nämlich
nicht nur Darstellungen ails den: Leben
der hl. Katharina, für deren Fingerreliquie
ja das kunstvolle riiid hübsche Kästchen
verfertigt wurde; es befinden sich an den
schrägabfallenden Dachseiten, umgeben voll
zwei Eilgeln, anch der thronende Christus
in der Mandorla ans der eineil Seile
und ans der andern Maria mit dem Jesus-

kind. Gerade diese Anordnung findeil
wir aber an den ältesten Reliqnienbe-
hältern, ivo meistens der göttliche Heiland
in deil Vordergrund gestellt wird und
demselben wie auch seiner gebenedeiten
Mutter ans diese Weise die gebührende
Ehrenstelle gegeben wird. Erst neben oder
unter denselben, etwa an den vier Seiten
des Schreines, folgen dann die Bilder der
Heiligen in Unterordnung unter ihr
Haupt — nämlich Christus — oder anch
Szenen ans dem Leben der Heiligen, ivie
dieses an dem Altshanser Reliqniar gleich-
falls zntrisft.

Wir können sodann ans der Erwerbung
der Reliquie selbst einen ziemlich sicheren
Schluß auf das Aller des Behälters
ziehen.

Dieselbe fällt ohne Zweifel in die Zeit
der Kreuzzüge. Die Kreuzfahrer brachten
nämlich Reliquien vom Morgenland nach
Deutschland; durch sie wurde die Ver-
ehrung gewisser Heiligen volkstümlich, ivie
z. B. des hl. Nikolaus, Blasius, Georg,
Antonius der Einsiedler. Gerade zu
jener Zeit begann anch die Verehrung
der hl. Katharina in Deutschland und
verbreitete sich fortan weit ans. Die
Verehrung dieser Heiligen war so groß,
daß manche Kreuzfahrer und Pilger es
sich zur Ehre anrechneten, denr ans bem
Berge Sinai gestifteten Orden der heiligen
Katharina anzugehören, zu Katharinen-
rittern geschlagen zu iverden und das
Rad sogar in ihr Wappen anfznnehmen.

So ist es wohl erklärlich, daß ein
Deutschordensritter damals die Reliquie,
einen Finger der Heiligen, erhalten oder
irgendwie erworben hatte. Ein Pater
Honore erzählt mit bezug auf jene Zeit:
„Man wird kaum einen Vornehmen, einen
Ritter oder tapferen Krieger antreffen,
der nicht mit Reliquien oder solchen hei-
ligen Erwerbungen ans devl Morgenland
heimgekehrt wäre." Da nun aber der
Deutschorden schon im Anfang des 13. Jahr-
hunderts das Feld seines Wirkens nach
Deutschland verlegte (Altshausen war schon
1264 eine Kommende desselben), so ist es
leicht möglich, daß die genannte Reliquie
um jene Zeit in den Besitz eines Dentsch-
herrn kam. Es dürfte aber auch außer
allem Zweifel liegen, daß der Besitzer bei
der hohen Verehrung für die hl. Katha^
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