Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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frtffev einmal den anerkennenden Satz aussprechen
läßt: „Man hat von diesen holdseligen und un-
schuldigen Gestalten den Eindruck uicht nur von
einer außerordentlich regen Kunstübung, da jeder
den Stil bis in die Fingerspitzen fühlte, sondern
auch von einer hohen christlichen und ritterlichen
Kultur." Wir sind nicht allzusehr verwöhnt mit
solchen Urteilen, die einen von eingeimpsteir Vor-
urteilen freien Geist erkennen lassen.

Was der Verfasser S. 24 f. sagt, kann ich voll
und ganz unterschreiben: „Niemals," führt er aus,
„hat man, soviel ich sehe, in der guten alten Zeit
absichtlich und bewußt in dörflichem, ländlichem,
bäuerlichem, heimatlichem oder gar malerischem
Stil gebaut — höchstens bei Holzbauten . . .
die Dorfkirchen haben aber diesen Stil oder
Charakter von selbst bekonnnen, weil man rea-
listisch baute, dem Zweck, den Bedürfnissen und
örtlichen Verhältnissen gehorsam. Auch heute
wird dies das Nichtige sein. Für eine Kirche
auch im Dorf ist das Beste gerade gut genug.
Der Zweck ist das einzige Motiv für eine ge-
srmde Baukunst. Aber ein moderner Baukünstler
wird der Umgebnng, der Bildwirkung seines Bau-
werks bewußt Rechnung tragen, wie es die Alten
mehr oder weniger unbewußt, jedenfalls siill-
schweigend getan haben. Die Bauern selbst wollen
keine Kirche im „Dorflirchenstil", sie wollen keine
Kunst zweiter Güte, wollen keine Hinterwäldler
sein. Und ich glaube, sie haben recht. Bauern-
kunst ist bei uns von jeher nur verbauerte
Stadtkuust . . ." Aehnlich hat sich ja auch er-
sreulicherweise Gurlitt gegen die Phantasmagorie
einer Dorfkirchen- und Bauernkrnrst ausgesprocheir.

In einigeir Aeußerungen kann ich dem Ver-
fasser nicht zustimmen. Vor allem möchte ich
dem Satz eirtgegentreteir: „Was iroch fehlt,
ist eine staatliche oder kirchliche Gesetz-
gebung, die die kirchlichen Baudeirk-
müler samt ihrem Inventar eine m
wirksamen Schutze und f a ch m ä n n i s ch e r
Aufsicht u n t e r st e l l t, um die Ver-
ü n ß e r u u g und Verballhornung der
Denkmäler unmöglich z u m a ch e n." Nein!
wir haben bereits genug an brrreaukratischen
Paragraphen, Verordnungen, Beaufsichtigrurgen
und Vereinen, die einen kirchlichen Bau oder
ein Restaurierungsunternehmen für die Betei-
ligten zur Qual und zu einem wahren Mar-
tyrium machen können. Was wir brauchen ist
vielmehr, daß das Verständnis für kirchliche
Kunstwerte in immer weitere Kreise getragen
werde, so daß sie von selbst das Nichtige tun.
Alles bureaukratische Reglementieren hemmt und
lähmt und schablouisiert. Noch wichtiger und
richtiger wäre es, wenn der Staut, der unsere
katholischen Kirchen, unsere reichen Kunstschätze,
deren Wert nach Millionen zählte, jetzt im Besitz
hat (wir hoffen, daß auch diese Millionen bei der
„finanziellen Auseinandersetzung" zwischen Staat
und Kirche nicht spurlos in der Rechnung ver-
schwinden — denn sie bedeuten für die katholische
Kirche bleibende Realwerte), anstatt neue Gesetzes-
paraphen auszusinnen, für die Reinigung und
bessere Instandhaltung unserer großen und einzig-
artig schönen Klosterkirchenbauten mehr tüte als

bisher. So scheint es manchmal, als wäre das
„Erwerben" leichter als das Erhalten. Die Rei-
nigung, Erhaltung, Jnstandsetzungvon Weingarten,
Schussenned, Weissenau, Zwiefalten, Schöntal,
Kloster Rot und noch mancher anderer ist ein
schreiendes Kulturerfordernis. Es wäre ferner
wünschenswert, daß der Fiskus diese herrlichen
Bauten nicht durch unschöne Neu- und Vor-
bauten, Kamine und Waschküchen verunzieren
wollte, wie z. B. in wirklich empörender Weise
der Prospekt von Weissenau dem vorüberfahren-
den Reisenden die ..württembergische Denkmals-
pflege" zur Schau stellt. Das wäre Denkmals-
pflege ohne neue Paragraphen, und zudem er-
folgreicher als neue Verordnungen, die doch nur
neue Schikanen bedeuten und in einer Weise in
die Eigentumsrechte eiugreifeu, die wegen der
Konsequenzen höchst gefährlich ist.

An einigen Stellen ist der Denkmalspfleger
und Konservator mit dem Mann der praktischen
Ueberlegung durchgegangen. Wenn S. 9 ge-
sagt wird, aufgedeckte Bilder seien nur als far-
bige Flecken zu behandeln, nicht auszufrischen
oder gar in den Umrissen zu verstärken, so möchte
ich doch ein „distinguo“ anbringen. Es kommt
doch sehr darauf an, ob eine Kirche im Ge-
brauch ist oder uicht. Im ersteren Fall ist die
Kompromiß-Methode, die in Rottenburg-Ehingen
angewandt nnude, das äußerste, was man
einer auf die lebendige Schönheit ihres Got-
teshauses bedachten katholischen Gemeinde zu-
muten darf.

S. 14 ist der Ausdruck „geweihtes Brot"
ganz mißverständlich: es gibt in der katholischen
Kirche auch geiveihtes Brot, das nicht das „kon-
sekrierte Brot", d. h. die heilige Eucharistie ist,
z. B. die an manchen Orten noch aus altchrist-
licher Zeit üblicheir Eulogien, oder die an be-
stimmten Tagen für den Hausgebrauch geweihteir
Brote. Der Verfasser konnte einfach sagen „die
Eucharistie", das ist nicht falsch zu verstehen.

S. 12 hat die D. Kochsche Naturkirchentheorie
den Verfasser zu der Aufstellung veranlaßt: „Oft
ist der grüne, von der Morgensonne durchleuchtete
Vorhang eines Efeu- oder Rebengerankes oder
eines Baumes vor bem farblosen Fenster so schön,
als ein Glasgemälde irgend sein könnte!" Das
mag schon sein. Nur ist der Zweck des Kirchen-
inneren nicht, zur Betrachtung von Eseuranken
und Bäumen anzuleiten; das kann man außer-
halb der Kirche viel besser. Eben deshalb be-
trachten wir auch den Gedanken, welchem die
Barockkunft nur eben in etwas exaltierter Weise
Ausdruck gab, daß die Kirche ein Abbild der
„Coelestis urbs Jerusalem“ oder des Himmels
sei, uicht als eine „Verirrung", sondern als ein
schönes 8ur3um corda, als eine tiefe, der ka-
tholischen Auffassung ganz adäquate Symbolik,
wenn auch die Darstellungsform der Barockzeit
— so weit stimme ich dem Verfasser zu — nicht
das Ideal bedeutet.

Tübingen. L u d w i g B a u r.

H iezu eine K u n st b e i l a g e:

Pieta von M a r in o n.

Stuttgart, Buchdruckeret der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblntt".
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