Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Ularmcms neue pafftonsffulpturen.

Von Dr. R. A. N.

(Schluß.)

JI.

Der großen tragischen Kunst gehört die
Sigmaringer Pieta an, mit der eine hoch-
sinnige Stiftung zweier Danlen den Fried-
hof der Hohenzollernresidenz verschönert
hat. Doch das Problein der Noten ciolo-
rosa, eivig alt und ewig neu, hat die
Kunst seit sechs Jahrhunderten noch nicht
erschöpft. „Groß rvie das Meer ist deine
Betrübnis," tief rvie das Meer auch der
Schmerz, der derrr Geliebten nitb dem
Gottessohn zugleich geweiht wird, der
Schmerz einer Mutter Gottes und Mutter
der Brenschen, die in das erhabenste
Drarna des Leidens eines Gottmenschen
für Ale»scheu hineinverwickelt ist: „Deine
eigene Seele wird ein Schwert dnrchdrin-
gen." Immer rirrd immer wieder zieht
es den forschenden Geist, den sinnenden
Dichter, auch beit bildenden Künstler, in
jenes abgrundtiefe Nvsterium cnriLiZ
einzudringen, in rvelchenr wie im Myste-
rium peccati auch der Frau neben Dem
Mann Mitwirkung, Mitleiden im weitesten
Sinne, znkomnren tollte. Verflachte Denk-
rrnd Kunstweise vergangener Zeiten hat
für dieses Innerlichste von Geheimnisvollern
äußerliche Mittel zu Hilfe nehmen zu
müsseil geglaubt. Die Schwertmadonnen
am Kreuzesstainm begegnen uns heute
noch viel zrl viel. Knust und Knnstrverke
stehen umso höher, je mehr sie znm Aus-
druck einer Idee oder Empfindung solch
äußerlicher Embleme entbehren können.

Im zweiten seiner hier besprochenen

Passionsbilder hat Marino» ein Werk
geschaffen, das mit Verzicht ans alle, auch
der strengsten Nundplastik gestatteten Aus-
drncksrnittel allein im ausdrncksfähigsten
engsten Nnuin des Menschenantlitzes eine
Welt von Leid und Liebe darznstellen ver-
sucht hat, — und dürfen wir im voraus
sagen, mit Glück es versucht und erreicht
hat. Ans der älteren wie neueren Kunst
ist mir kein zweites Beispiel solch origi-
neller, konzentriertester Doppelpassionsanf-
fassung bekannt: „ P a s s i o-C o m p a s s i o “
signiert der Künstler sinnvoll und unüber-
setzbar sein Werk. (Vgl. Abbildg. S. 109.)

In eine quadratische Marmorplatte ist
nach klassischer Plaketten Art eine Kreis-
fläche flach vertieft, deren Durchmesser 50 am
beträgt. Das in diesen Kreis hineinkompo-
nierte Flachrelief geht in sanft geschweifter
Linie in beit schmalen Hintergrund über.
So müsseil ganz durchgeistigt, gleichsanl
durchsichtbar die Gesichte der zivei hei-
ligsten Menschennntlitze hervortreten, welche
die höchsten Gedanken, das tiefste Weh
der Leidensgeschichte des Herrn ansprägen
sollen. Christi Angesicht, bei dessen Gc-
staltnng Donatellos unübertroffener
Krnzisirns vorgeschwebt zll haben scheint,
sanft geneigt, int Tod gebrochen, verkörpert
die Pas.sio, den leiblichen Schmerz, den
„des Braunes der Schnlerzen" ; das halb
verschleierte Profil derJungfrail und Blatter
an der Seite ihres Schmerzenskindes die
Compassio, den geistigen, seelischen
Schmerz der Nater cloIoroZa, der
„Königin der Marlryer".

Fürwahr ein Gegensatz, der beit größten
Meistern der Renaissance ein würdiges
Ziel dünkte, wie es nur die bedeutendsten
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