Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 119
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Haid, „beitu auch jetzt ist all unsere Ge- !
uugtuuug -aus ihm. Aber es war uns
nicht gut, daß der Manu allein sei, es
war besser, daß zu unserer Wiederher-
stellung beide Geschlechter mitwirkten, weil
beide sich an unserem Sturz beteiligt
hatten." „O ineffabilis reciprocatio, o
unaussprechliche Wechselwirkung", ruft er
ein andermal aus voll Staunen über dies
geheimnisvolle Jneinanderflnten, Ueber-
flnten zweier Schmerzensmeere, des Leidens
Christi und des Mitleidens Maria, die wir
hier nicht im Herzen von Mutter und Sohn
ineinandersließen sehen, vielmehr im hel-
leren Schein des Antlitzes von Ang zu
Aug, Haupt an Haupt, dort meereslies
unergründlich wogend, hier wie in klaren
Sees Spiegel reflektiert. Wieder gibt mir
für das fast Unaussprechliche, im Bilde
Gesehene und Gefühlte der Kirchensprache
besserer Dolmetsch die rechten Worte in die
Feder; das Seelenauge der zweiten Ne-
liefgestalt, der königlich ergebenen Dul-
derin, möchte ich meinen, könnte keine
beredtere Exegese finden, als in dem ersten
Offizium der Mater dolorosa: „Mit
frommen Augen schaust du Ihn, o Jung-
frau, an, denn du betrachtest in Ihm nicht
so sehr der Wunden Male, als das Heil
der Welt."

Nicht umgehen lieh sich unsere kurze
Digression auf theologisches Gebiet, wenn
anders wir die bildnerische Eigenart Mar-
mons im engen Nahmen seines wunder-
vollen kleinen Nundreliefs auch nur an-
nähernd würdigen wolltenH.

LI vis monumentum, circumspice!
soll der englische Dombaumeister in stolzer
Bescheidenheit von sich gesagt haben, rvie
er ein Denkmal als Anerkennung für
sein Bauwerk abgelehnt. Auch dieses
kleine Meisterwerk könnte ein solches für
den hoffnungsvollen Künstler werden, dessen
Laufbahn allein Anschein nach, ivie nach
den gegenwärtigen Aufträgen, der Höhe
zustrebt. Li vis monumentum, circnm-
spice! darf ich wohl auch manchem der
Leser zurufen. Ich wüßte und wünschte

*) Das Steller war schon 1910 in Düsseldorf
ausgestellt. Dasselbe Relief in Marmor auf dem
Grab von Sigmund Roos in Sigmariugen ist
in Bronze aus dem Dunninger Gottesacker zu
sehen; das Christusantlitz dürfte sich in der Bronze-
technik vielleicht noch wirksamer gestalten.

mir uub anderen „Besinnlichen" kein
sinnvolleres, prunkloseres Grabdenkmal
als ein solches Marmonsches Marmor-
relief in angemessener Umrahmung, wenn
die Passio vitae, die Passion des Lebens
eines Irenen Christusjüngers und Chrutns-
dieners, geendet unter tröstlicher Com-
passio von Christi Mutter, statrs iuxta
criicem filii — ecce mater tua! ')

f)olbeiit d. Aelt. Gemälde im Dom
zu Augsburg.

Bon Max Bach in Stuttgart.

Schon im Jahr 1898 habeich im „Archiv
für christl. Kunst" unter dein Titel „Ein
Altarwerk aus Weingarten" eine Studie
über die Bilder Holbein d. Aelt. im Dom
zu Augsburg veröffentlicht, welche in der

') Welchen Eindruck Marmons Original-
schöpfungen im Kreise unbeeinflußt und unverbildet
sinnender Menschen hervorgerufen haben, geht
ans den Versen hervor, die nach Abschluß dieser
Besprechung dem Kunstwerk, Künstler und Autor
gewidmet wurden.

Passio-Compassio.

I.

„0 schenkt ihn mir, es ist mein Kind,

Des Her; für euch im Tod gebrochen,

Des Leiden ich »nt ih»r geteilt,

Seit ich das „Fiat" ausgesprochen.

O laßt seiir Haupt an meinem ruh'»,

Das ihr mit Hohn und Spott umwunden;
Als Mutter Hab' ich. Angst und Schmach
In meinem Sohne mitempfunden.

Es liegt mein Mitleid innig tief
Und voll iix meines Sohnes Schmerzen,
Geopfert bin ich mit dem Sohir
Geheimnisvoll im Mutlerherzen."

Und so mit Starkmut angetan
Halt den Erlöser sie umschlungen.

Des Glaubens Klarheit im Gesicht,

Von Gottrs Willen ganz durchdrungen.
Anbetungsgroßer Augenblick —

Vor uns das Gotteslamm, da) wahre,

Als Sühnungsopfer ausgestellt,

2luf gottgemei,tem Hochaltäre.

0. 13.

II.

„Es ist vollbracht." Das Leiden ruht —
Doch wächst der Mutter Mitleidsflut
Zur glaubensstarken Majestät,

Die sie zur Königin erhöht.

Und auf des Herzens Hochaltar
Bringt sie das heit'ge Opfer dar.

Vollendet des Erlösers Schmerz,

Der mitdurchbohrt das Mutterherz —

Das leidvcrllärt, voll Opfermut
Als Sühne bringt des Sohnes Blut.

' ü. O,
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