Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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hervorznheben, daß die beiden roh eiu-
geritzteu Buchstaben, die unter der Sta-
tuette des Moses stehen, nichts anderes
sind als die Anfangsbuchstaben des Wor-
tes Moses, also keine Künstlerbezeichnnng
bedeuten, wie man leicht meinen könnte,
wenn man beit Text des Inventars liest.
Ich habe hierauf wie auch auf das Nächst-
folgende in meinem Schriftchen: Der
Gmünder Kirchenschatz, Remszeitnngs-
verlag 1909, aufmerksam gemacht.

Seite 402 des Inventars wird be-
hauptet: „Eine Ampel von Kupfer, i
versilbert, mit drei Bestien als Henkeln,
mag so alt sein als das Kirchengebände",
nämlich die romanische St. Johannis-
kirche. In Wahrheit ist die Ampel ans
Alpakka (Rensilber), eine rohe handwerks-
mäßige Arbeit ans dem Anfang des 19.
Jahrhunderts.

Von den sich noch da und dort finden-
den Unrichtigkeiten geschichtlicher Art
möchte ich in diesem Zusammenhang ab-
sehen.

2. Ich habe eingangs bemerkt, daß
diese schiefen Auffassungen und Erklä-
rungen mit suggestiver Kraft
w i r k e n und unbesehen nachgeschrieben
werden. Dies ist wirklich geschehen in
einem sonst sehr verdienstlichen und ge-
lehrten Werke des Straßburger Privat-
dozenten für Kunstgeschichte Paul Hart-
m a n n ch ü b e r s eh w ä b i s ch e M onn-
m e n t a l p l a st i k. Der Verfasser be-
spricht die Plastik von sechs Kirchen: des
Kapellenkirchtnrms in Rottweil, des Dom-
chors in Augsburg, der Heiligkreuzkirche in
Gmünd, der Frauenkirche Eßlingen, des Ul-
mer Münsters und der Frauenkirche in Ra-
vensburg. Bei Schilderung der Skulpturen
in Gmünd nimmt Hartmann die Deutung
der Chorumgangsknlptnren (Kaiser,
Papst, Kardinal rc), wie sie das In-
ventar gibt, ruhig auf. Nur die Deutung
der hl. Elisabeth als „Kaiserin" ist ihm
zu kühn, oder er läßt bei seiner Be-
trachtung die Figur weg, da sie ja neu
i>t. Dagegen wird von ihm eine neue

0 Paul Hartniann, Die gotische Monumental-
plastik in Schwaben. Ihre Entwicklung bis zum
Eindringen des neuen Stils zu Beginn des
15. Jahrhunderts. Mit 28 Tafeln. München
1910. F. Bruckmann A.-G. XI und 161 Seiten.
Geb. Mk. 36.

Deutung an einer anderen Figllr ver-
sucht, die ganz und gar abznlehnen ist.

Diese verunglückte Deutung trifft eine
Steinfignr, welche links vom Eingang
zum Südportal am Snkristeipfeiler an-
gebracht ist. Es ist eine gekrönte Franen-
statlle mit einem von ihren Händen zu
beiden Seiten etwas auseinander gehal-
tenen Mantel, in welchem sich ans jeder
Seite drei übereinanderstehende Figür-
chen bergen. Dieses Bild möchte P.
Hartmann als die Darstellung der hl.
otburga ansprechen (S. 50). Es ist
er sicher, daß das nichts anderes als
er.. Schlitz mantel bild ist. Maria
mit dem Schutzmantel findet sich in der
Heiligkrenzkirche noch zweimal verherrlicht.
Anr Innern des Tympanon des West-
portals füllt ein Fresko das ganze Vogen-
feld llnd nimmt noch die nächste Um-
gebung des Bogens in Anspruch. Das
Bild, das jetzt durch davor gestellte Kasten
verdeckt ist, die sich ans der dem West-
poitaltpmpanon vorgelagerten unteren
Orgelempore befinden, ist nach einer
Farbenskizze des hiesigen Zeichenlehrers
Karl Fischer im Inventar der Kunst- uitb
Altertumsdenkmale Seite 361 abgebildet,
was uns einer Veschreibilng desselben
überhebt. Ein zweites Schutzmantelbild
ist eine spätgotische Holzfignr, in den
oberen Teil eines Seitenaltars (Geburt-
Christi-Altar) ans der Nordseite des Chor-
nmgangs eingefügt. Der Mantel kann
sich hier weiter ansbreiten und nimmt
zehn (ans jeder Seite fünf) übereinander-
gestellte Figürchen, Schutzbefohlene der
Madonna, ans. Mit diesen beiden Dar-
stellungen ist gezeigt, daß das Schntz-
mantelbild den Gmündern etivas Be-
kanntes und Liebgewordenes ist. Sie
stellten dieses Bild zum drittenmal —
wahrscheinlich war es übrigens der Zeit
nach das zuerst erstellte — an dem Ein-
gang zu dem schönsten Portal ihrer Kirche
auf, weil Maria (näherhin Maria Himmel-
fahrt) Patronin der Kirche (neben dem
heiligen Kreuz) ist. Steht an der linken
Seite das Schutzmantelbild, so an der
rechten beim Eingang desselben Portals
ein kreuztragender Heiland — beide Fi-
guren zusammen das Doppelpatrozininm
des ganzen Heiligtums verkündigend.
Daraus erhellt, wie sehr das Schlitz-
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