Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 20
DOI Heft: 10.11588/diglit.16252.9
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16252.12
DOI Seite: 10.11588/diglit.16252#0027
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1912/0027
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
20

Bruchstücken bekannt. Ralfs legt den Hauptwerk
auf die kritische Seite und betrachtet deshalb sein
Werk nur als einen Vorläufer zu einer wirk-
lichen Geschichte der Neapolitaner Malerei. Ins-
besondere werden dafür noch Detailarbeiten zu
liefern sein, die aus den Taufregistern und den
Notariatsakten Neapels zu schöpfen haben werden.
Als Gruirolage dienen dein Verfasser die oft in
traurigem Zustande befindlichen Bilder in Kir-
chen, Museen (Nationalmuseum, Kirche von St.
Martin, Mus. Filangieri, kgl. Schloß, Schloß
Capodiinoute), die Privatsamnilungen von Postig-
lione, de Horatiis, Galantst Tesorone. Dagegen
konnte die Umgebung von Neapel nur in ganz
bescheidenem Maße herangezogeu iverden, aus
Gründen, für die nicht der Verfasser verantwort-
lich gemacht iverden kann.

Die Geschichte der neapolitanischen Kunst kann
über das erste Jahrtausend rasch hinweggehen.
Erst mit den Anjou int 13. Jahrhundert beginnt
die Kunst Neapels weitereir Uinfang anzuuehiiien:
zunächst in Abhängigkeit voir Rom (Cavallini seit
1308 in Neapel), Siena, dann im 15. Jahr-
hilndert von Mailand, Florenz, Venedig, Spanien.
Die neapolitanische Kunst ist teilte originelle,
sondern immer eilte nachahmerische Kunst ge-
wesen, „nicht in der Weise, daß sich freiiide und
heimische Kraft zur Zeugung eiites kräftig empor-
blühenden Netteit mischen, sondern wir fiitbeit
gewöhnlich nichts, als die oberflächlich nach-
ahmeltde Arbeit der heimischen Werkstattgenossen.
Nichts Neues, itichts Eigenes, nichts Entwick-
lintgsfähiges, das nun beit Anfang zu einer
selbständigen Eittfaltung lteapolitanischer Kunst
bildeit lvürde, ivohl aber Entartuitg, oberflächliche
Nachahmung, Verzettelit und träges Nachempfin-
den des schnell in großer Schule Geleritten"
(Seite 17).

Das erschivert natürlich die Darstelluitg tu
hohem Maße. Der Verfasser schlägt beit unseres
Erachtens richtigen Weg ein, daß er die fremden
Hauptmeister tutb ihre Schüler herausstellt und
danach strebt, den Anteil festzustelleu, den neapo-
litanische Künstler an jenen Werken haben, beziv.
zu zeigen, welche Meister mit jenen Schulen zu-
sammenhängen.

Es ist nicht möglich, im Nahmen dieser An-
zeige auf den ungewöhnlich reichen und auf
eingehenden stilkritischen und geschichtlichen Unter-
suchungen beruhenden Inhalt des großen Werkes
einigermaßen einzugehen: Werke und Schule
Cavallinis, Simon Martinis, Giotto (für die
Jncoronatafresken tvird mit Angeluzzi und Croive
und Cavalcaselle Oderisio von Neapel angenom-
men), Andreas Vanni, Nardo oi Cione, die
Mailänder (Bicuschio), die spanisch-flandrischen
Einflüsse (Einfuhrbilder, Bilder von spanischen
Künstlern in Neapel und Neapler Nachbildungen),
kurz die römischen, toskanischen, mailändischen,
flandrisch-spanischen, umbrischen, venezianischen
Einflüsse werden klar und wohl begründet her-
ansgestellt, die Namen der neapolitanischen Mei-
ster eruiert (S. 151 ff.).

An diese bis zum 15. Jahrhundert reichenden
Untersuchungen reiht der Verfasser einen Dar-

Stuitgart, Buchdruckeret der A

stellungsversuch der am Hofe und in den Klöstern
Neapels int 11. und 15. Jahrhundert eifrig ge-
pflegten Buchmalerei an, freilich nur in Form
einer trockenen Liste der urkundlich nachweis-
lichen Illuminatoren und Schreiber Neapels.

Das 16. Jahrhundert ist für die neapolita-
nische Kunst speziell itt der Malerei wenig frucht-
bar. „Sie ist nicht viel mehr, als ein minder-
wertiges Spiegelbild der verschiedenen Strö-
mungen, die in Rom, Florenz, Venedig, Bologna
usw. zur Geltung konnnen" (S. 175).

Raffaels Einfluß auf eine Reihe neapolita-
nischer Künstler; die Michelangeleske Plastik,
durch Diontorsoli nach Neapel verpflaitzt, seine
malerischen Tendenzen, durch Vasari und Marco
del Vino da Sieita, die Nachahmer Tizians u. a.,
die Tätigkeit der Fiamminghi, eines Massineo
Staitzione und seiner Schüler, der von Cara-
vaggio ausgeht und zugleich Ribera folgt, des
Viviaito Kodazzi, Cavallino, Finoglia, Lanfranco
und vieler anderer, insbesondere aber von
Ribera und R o s a, voit beiten der elftere, ein
Spanier, in Neapel mit guten Werken vertreten
ist, während der letztere, ein Neapolitaner,
dort nur wenige Werke hinterließ, die aber beide
die Kunst des 16. Jahrhunderts stark bestimmten,
Lukas Jordano „der Allerweltskünstler",
Solimena der letzte große neapolitanische
Maler, Mattias Preti und viele andere ziehen
an unserem Auge vorüber.

Sehr interessant find die Hinweise auf die
neapolitanische Spezialistenmalerei, die zum male-
rischen Kompagniegeschäft führte, so daß an ein
und demselben Bild ein Architekturmaler die
Architektur, ein Figurenmaler die Figuren, ein
Blumenmaler die Blumen und Kränze anbrachte
(S. 353 ff.).

„Wie die Geschichte der Malerei Neapels mit
den fremden Meistern von Nom und Florenz —
Cavallini und Giotto — einsetzte, so endet sie
mit dem für unsere Zeit großartigen Werke
eines Fremden: den Fresken des deutschen

Malers Hans von Maree in der Bücherei des
zoologischen Instituts im Nationalgarten vom
Jahre 1873."

Drei anhangweise beigegebene Exkurse (Notizen
zur Gewerbemalerei Neapels, die Nota de' Pittori
Baldinuccis und die Mitglieder der Malergilde
Neapels) nebst einem alphabetischen Register
schließen das wertvolle Werk ab.

Die kritische Grundlage für eine zukünftige
Geschichte der neapolitanischen Malerei ist damit
gelegt. Möge der Verfasser selbst dazu kommen,
sie uns zu schreiben.

Rühmend muß die Beigabe eines so reichen
Jllustrationsmaterials (138 Abbildungen) hervor-
gehoben werden, wodurch erst ein — hier be-
sonders notwendiges — vergleichendes Studium
möglich wird.

Tübingen. Prof. Or. L. B a u r.

Hiezu eine K u n st b e i l a g e:

Ruinen von Nieder m ü nster (Elsaß).

^.-Ges. „Deutsches VelksblaU".
loading ...