Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 26
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ftmiiteu! Liegt hierin nicht ein Fingerzeig
dafür, daß die katechetische Liturgik in
engste Beziehung zu bringen ist mit den
einschlägigen ästhetischen Darbietungen?
Wir sagen: „Weiß bedeutet die Unschuld
mit) geistliche Freude." Wenn man dabei
von einem Bild der „Unbefleckten Empfäng-
nis" oder von Rafaels „Verklärung" ans-
geht, so haben die Kinder zugleich mit
dem Symbol auch das Bild der Unschuld
und Freude mit der ganzen suggestiven
Kraft der Anschauung vor sich. „Wir
verneigen das Haupt und beugen die
Knie, um unsere Ehrfurcht und Demut
anszndrncken." Wer zur Illustration dieser
Symbolik „Mariä Verkündigung" benützt
(von Fiesole; Kirchenjahr in Bildern), der
kann den Engel die Gefühle der Ehrfurcht
und Maria die der Demut anssprechen
lassen, während das lebendige RUenenspiel
dieselben Empfindungen den Angen der
Kinder vorführt.

Eine Anwendung.

Unser Weg hat uns nnzesucht ans ein
an Problemen reiches Gebiet geführt:
ans das der Katechismnsillnstration. Ich
wünsche dem Katechismus eher einen ge-
schickten, findigen Verwerter znm Illustrator
als ein Originaltalent mit prononcierter
Eigenart. Welch reiche Unterstützung könnte
dem Katecheten von dieser Seite zuteil
werden! Wie könnte das Interesse der
Schüler in der Gegenwart geweckt und
ihr Verständnis in der Zukunft grnnd-
gelegt und gefördert werden!

-e- Die ÜUerianschen Ztädteansichten.

Der „alte Merian", d. i. der im Jahr 1593
zu Basel geborene Matthäus Merian d. ä.
(ch zu Schwalbach im Jahr 1651), welcher seine
Kunst in Paris, hernach in Frankfurt a. M.
ausübte, machte sich hauptsächlich durch seine
Abbildungen der wichtigsten europäischen Städte
nebst Beschreibung enthaltenden, nach seinem Ab-
leben von feinem Sohn Kaspar Merian fort-
gesetzten „Topographien" (30 Bände, Frankfurt
a. M. 1640—1688) bekannt. Außerdem illu-
strierte er viele Werke mit Porträten, Sch lachten-
bilderu, Zeremonien, Aufzügen, Festlichkeiten w.,
so namentlich das „Theatrum Europaeum“.
Seine Ansichten der alten deutschen Reichs-
städtcheu, welche alle markanten Punkte im
Antlitz des Weichbildes so augenfällig hervor-
tceten lassen und durch beigesetzte Ziffern, die
auf das Memorabilienverzeichnis unten verweisen
und den Beschauer so freundlich orientieren, haben
etwas ganz Apartes, Einnehmendes und An-
mutendes. Die Kunstprüderie unserer Zeit duldet

einerseits nur kokette malerische Prospekte der
Städte, wobei sie die Bezifferung als eine Kin-
derei verwirft, anderseits kalte, geometrisch
wahre Grundrisse, deren Ziffern dem Unbekannten
gar nichts sagen. Auch die anspruchsvollen
Panoramen aus der Vogelperspektive, wie sie
vor einigen Jahrzehnten Mode wurden, sind iveit
entfernt, das Eingeweide (Weichbild) der Städte
so bloßzulegen und dem Neugierigen so deut-
liche Bilder der hervorstechenden Punkte zu geben,
wie die bequeme M e r i a n - Manier, welche keck
Grundriß und Prospekt vereinigt, den Archi-
pelagus der Häuserinseln mit ihrem ganzen Relief
nachlässig hinwirft und mit frei eingestandenen
geometrischen Sünden die größte Anschaulichkeit
erkauft. Wie plastisch und propter honorem
in übernatürlichen Verhältnissen sind Kirchen und
Klöster, Rathäuser und Paläste, Burgen und
Höfe hingestellt, wie klar schlängelt sich der
Mäairder der Straßen, wie tüchtig und über-
sichtlich schließt die betürmte Mauer rings die
rührige kleine Welt des vielkammerigen Menschen-
nestes ab, und wie bequem zieht die Einbildungs-
kraft mit dem eilenden Reiter auf dem schweren
deutschen Roß, der als ständige Staffage dient,
über die Zugbrücke und unter dem Fallgitter der
gewölbten Tore in das nie gesehene Weichbild!
Offen gestanden, diese so einfältigen, aber so
lebendigen Bilder, diese feindlichen Lager vor
den Städten mit ihren deminutiven Zelten und
dem riesigen Geschützpark, diese naiven Nach-
weisungeu wie Bresche, durch die die Schwedischen
die Stadt erstiegen, oder das Haus, wo der
große Brand ausgekommen, haben von jeher
mächtigen Reiz ausgeübt und die Gewalt gehabt,
einen aufs lebendigste in die betreffenden Zeiten
zu versetzen, ihre bedeutenden Gestalten au einem
vorüberzuführen und ihre eigentümlichen Laute
zu wecken.

Sin wieder entdecktes Gemälde von Hans
Baldung Grien aus Schwäbisch Gmünd

befindet sich seit kurzem in der öffentlichen Kunst-
sammlung zu Basel, welche schon fünf Bilder
oieses Meisters besitzt, unter welchen der ge-
waltige „Todeskuß" das berühmteste sein dürfte.
Das von der „eidgenössischen Kommission der
Gottfried-Keller-Stiftung" im Jahr 1909 (in?
von? um?) erworbene Tafelbild „eine Anna
selbdritt" mißt in der Höhe 71Ü2 cm, in
der Breite 50 cm und stammt aus dem Anfang
oes 16. Jahrhunderts und ist auf Lindenholz in
Tempera gemalt; der Hintergrund ist vergoldet.
Obgleich der Meister es nicht bezeichnet?, kann
das Gemälde doch mit bestimmter Gewißheit als
eine Arbeit Hans Baldungs bezeichnet werden.
Schon deshalb, weil nach ihm eine Handzeichnung
in Karlsruhe existiert, die Gabriel von Terry in
seinem bei I. H. Gd. Heitz in Ctraßburg er-
schienenen Werke über „die Handzeichnungeu des
Hans Baidung genannt Grien" unter Nr. 269
in Originalgröße und Lichtdrucknachbildung ver-
öffentlicht hat. Die Zeichnung trägt das Datum
1512; das Bild entstand also in der Zeit, wo
Baldung in Freiburg i. Br. (von 1511—1517)
weilte, wo ex bekanntlich das umfangreiche Po-
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