Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 27
DOI Heft: 10.11588/diglit.16252.13
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16252.17
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16252.18
DOI Seite: 10.11588/diglit.16252#0034
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1912/0034
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile

lyptychon am Hochaltäre des Münsters in elf
Tafeln, mit den Hanptbildern der „Krönung der
Jungfrau" und der „Kreuzigung" geschaffen hat,
möglicherweise in Basel selbst. Die regen Be-
ziehungen, die Balduug mit Basel damals unter-
hielt, gehen aus seinem Briefwechsel mit dem
Humanisten Am erb ach deutlich hervor. An
Hand dieser Originalzeichnung konnte die Konser-
vierung der „Anna selbdritt" sowie die Ersetzung
der abgebrochenen vier Ecken der Tafel und des
fehlenden Stückes in der Mitte das unteren
Randes leicht erfolgen. Mit Sachkenntiris und
Geschick hat denn auch Gemälderestaurator F. Bentz
in Freiburg i. Br. unter der Leitung von Professor
Or. Dan. Burckhardt die Wiederherstellung des
köstlichen Bildes durchgeführt. Gute Abbildungen
von: selben wie von der Zeichnung finden sich
im Berichte der genannten Kommission an das
eidgenössische Departement des Innern vom Jahr
1909 (Zürich, bei Schultheß & Cie., zwischen
S. 16 und 17). Sonst lebte Balduug vom
Jahr 1609 an bekanntlich meist in Straßburg,
wo er 1515 seine Tage beschloß. Beck.

Literatur.

Architektur itnb Religion. Gedanken
über religiöse Wirkung Ver Architektur
von Baron Or. Heinrich v. Gey-
mnller (ch 19. Dezember 1909). —
Basel 1911 (Kober, C. F. Spittlers
Nachf.) XVI und 121 Seiten. Preis
geheftet 2 Mk. 80 Pfg.

Wer einmal Huyßmans „Cathedrale" gelesen
hat, der wird ein Empfinden dafür haben, wie
man den Gedanken fassen kann, die Wesenheit
der monumentalen Architektur sei nicht als etwas
rein Aeußerliches anzusehen, sondern als etwas,
was in seinem Kern tiefe Berührungspunkte mit
dem Religiösen, Göttlichen hat. Diesem Ge-
danken gilt vorliegendes Büchlein. Einen be-
deutsamen Beitrag zu dieser Frage lieferte schon
vor einigen Jahren Kautzsch. — Die Mittel der
Architektur, religiös zu wirken, erkennt der Ver-
fasser > ehemals Architekt und zugleich ein äußerst
fruchtbarer Kuustschriftsteller) als „Frucht der
Liebe zu Gott, als Früchte des Glaubens". Er
stellt den Satz auf, der das Thema des ganzen
Büchleins bildet: „Die Mittel, welche die reli-
giösen Stimmungen in einer architektonischen
Schöpfung Hervorrufen, entspringen 1. aus den
charakteristischen Formen des angewandten Archi-
tekturstils, 2. den ästhetischen Eigenschaften der
verwendeten Bau- und Dekorationsstoffe, 3. dem
Charakter der Religion, für welche das Werk
errichtet worden ist, 4. dem Talente und den
seelischen Eigenschaften des Architekten und der
ausführenden Meister." — Diese Auffassung einer
tieferen religiösen Wirkung der Architektur hat
zur Voraussetzuirg (oder Konsequenz?) eine zweite,
nämlich, daß nicht die Konstruktionsprinzipien
und -Formen ausschließlich (ja nicht einmal iir
erster Linie) den Charakter der Architektur be-
stimmen, sondern ein tieferes Geistiges, Kom-
position als Kunst, in deren Dienst die Kon-
struktion tritt.

Ein erster Teil hat die Ueberschrift: „Die
architektonischen Stile als historische Dokumente
der Pläne Gottes in der Geschichte der Mensch-
heit"; ein zweiter Teil enthält „Fragmente
prepares“ (20 aphoristische Fragmente), darunter
einige überaus schöne.und tiefe Gedanken. Ich
greife einen derselben heraus: „Die künstle-
rische Leistungsfähigkeit wächst im Ver-
hältnis des Feuers der Liebe zu Gott, das im
Künstlerherzen brennt. Je intensiver dieses Feuer
seine Zünglein nach oben richtet, je mehr es vom
Geiste der Gnade Gottes erleuchtet und genährt
wird, umso tiefer dringt das Künstlerauge in
die unermeßlichen Reichtümer des Reiches Gottes;
umsomehr erfaßt unser Verstand dessen Bilder,
umsomehr empfängt unsere schöpferische Phan-
tasie neue Inspirationen und höhere Offen-
barungen" (S. 98).

Doch muß ich sagen, daß der so überaus
sympathische eigentliche Kerngedanke nirgends so
recht klar zur Durchführung gebracht ist. Es
scheinen mir drei Gedankenreihen durcheinander
zu laufen: 1. die geschichtlichen (äußeren)
Beziehungen der Architektur zur Religion, 2. die
mystisch-religiösen Stimmungswerte in der Archi-
tektur und ihre Faktoren, 3. die Grundgesetze
des Schönen, die allgemein gültigen mathema-
tischen und ästhetischen Gesetze der architektonischen
Harmonie, Proportionalität und ihrer Konstruktion.
Diese weisen zurück auf den göttlichen Urgrund
aller Schönheit und ihrer Gesetze.

Diese Gedanken sind aber weder sauber und
klar erfaßt, noch auch entsprechend herausgearbeitet.
Sie klingen nur mehr von Ferne durch. Jur
übrigen aber sind dem Schriftchen eines from-
men, gläubigen Mannes manche Anregungen zu
entnehmen.

Tübingen. L. Baur.

Ulm er Kunst. Im Aufträge des Ulmer
Lehrervereius herausgegeben v. Jul. Baum.
XXXII und 96 S. Stuttgart, Deutsche
Verlagsaustalt. M. 2.50.

Zu dieser Darstellung der Glanzzeit Alt-Ulmer
Kunst die Anregung gegeben zu haben, ist eine
überaus dankenswerte'und verdienstvolle Tat des
Ulmer Lehrervereins. Und es ist besonders er-
freulich, daß es auch gelang, die für die Lösung
der Aufgabe geeignete Kraft zu finden. I. Baum
gibt ein schön abgerundetes Bild der Ulmer Kunst
von der zweiten Hälfte des 14. bis zu ihrem
Abblühen in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahr-
hunderts und zu ihrem jähen Tode in dem un-
seligen Bildersturm, „der die vielleicht kunstreichste
Kirche Deutschlands an einem einzigen Tage völlig
ausleerte". Die Eigenart sowohl der ganzen
Ulmer Schule als auch der einzelnen Meister ist
treffend charakterisiert. Mit besonderer Vorliebe
und Feinheit ist hiebei die merkwürdige Künstler-
persönlichkeit Haus Multschers herausgearbeitet,
demgegenüber etwa ein Meister Hartmann, Syrlin
d. I. oder auch M.Schaffner fast allzusehr zurückreteu
müssen. Es ist ein reiches und gründliches Wissen,
das hier verarbeitet ist, freilich, für den im „Vor-
wort" präzisierten volkstümlichen Zweck der Publi-
kation scheint mir die Art der Darstellung etwas zu
streng sachwiffenschaftlich. Gern hätte man auch
loading ...