Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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Leben, die Neigung zu bequemer Be-
scheidenheit oder Scheu vor rührigeul Eiu-
greifeu imb Wirken nach außen, die Ab-
neigung gegen äußereil Schein und Glanz,
die Anhänglichkeit an Familien- und Ver-
waudtenkreise, „die schwäbische Vetler-
schaft", Gemächlichkeit unb Schwerfällig-
keit des „äußeren Behabens", Wärme
des Geiuüts, Betätigung des gesunden
Meuscheuverstaudes, Zug nach Veriliner-
lichnng (Mystik des katholischen Mittel-
alters und Pietismus des neueren Prote-
stantismns), Einspinneu in abstraktes
Denken — dies alles hat dahin geführt,
daß, abgesehen von dem einzigartigen
llnvergänglichen Ruhmesglanz der Hohen-
stanfenzeit, große Staatsmänner, hervor-
ragende Künstler ulid Handelsmänner in
der Geschichte Allwürttembergs fehlen,
indes bedeutende Vertreter der Dichtkunst,
der Geisteswissenschaften, vorall Der Theo-
logie und Philosophie, auf beut hiefür
günstigen Nährboden der Stammeseigen-
art enlporgewachsen sind. Dagegen scheint,
bei gleichell Grnndanlagen mit den nördlich
der Donau Wohnenden, wie derselbe
Nümelili hervorhebt, bei den Ober-
schwaben, die Empfänglichkeit für (Musik
Ulld) bildende Künste stärker, der Sinll
für die Regionen des abstrakten Denkens
schwächer als bei beit Niederschwaben.

Und so sehen wir beim auch schon bei
einem kurzen, rein statistischen Ueberblick
über Herkunft und Beruf bedeutender
Württenlberger, Oberschwabeu wie Fran-
ken ans jenem einzigen Kunstgebiet den
zahlreichen Sternen Niederschwabens an
die Seite treten, ja an Zahl und Glanz
und Größe sie hierin übersteigen. Ich
erinnere nur an Jörg Syrlin, Vater und
Sohn, Zeitblom, Martin Schaffner ititb
so viele Hinter Meister aus Mittelalter und
Neuzeit, ferner Dinglinger, Frey, Natter,
Schaupp, Neher, Pflug, Dieterich, Göser,
Nan, Keller, Braith und alle die vielen
andern Bioeracher Künstlers; zu schweigeil
von den zahlreicheil Meistern aus den
oberschwäbischeil Nachbarstädten und nur
noch voll der bedeutendell Bildhauerfa-
liiilie des 18. Jahrhunderts zu reden,
die ans unserer guteil Doltaustadt Ried-

*) Vgl. Königreich Württemberg, Donaukreis
OA. Biberach, Kunst- und Altertumsdenkmale,
Inventar. OA. Biberach. 1909 S. 19 ff.

lingeu hervorgegaiigen ist: Christi all,
der Vater Johailii Joseph uiid seine vier
Söhne: Karl Antoil, Joseph Ignaz,

Franz Joseph Friedrich mtb Johann
Melchior, die Meister der Chorgestühle
und Reliefarbeiten in .Zwiefalten, Wib-
lingen, Ottobeuren nnb Schöntal.

Weilu Kormelins Gurlitt, einer unserer
ersten Kunsthistoriker, von ihnen rühmt:
„Diese Werke siild von so frischer Auf-
fassung, so lebhafter Bewegnilg, so feiner
Beobachtung des Architektonischen, daß
man mit Staunen jenes Meisters gedenkt,
der in einem weltferneil Städtchen, in
Riedlingen, verborgen lebte", — um
wie viel mehr müsseu wir staunen, daß
aus denl noch weltfernereil Dorf bei dem
weltferileii Donaustädtcheu eilt noch grö-
ßerer Künstler hervorgegangeit ist, der
100 Jahre später den Ruhm seiner Heimat
in ferne Länder getragen, in Rom eine
zweite Heimat und sein Grab gefniiden
hat, an dem ich gerade vor zwei Jahrell
ilnl diese Zeit in Trauer und Trost ge-
standen :

Professor Joseph voll Kopf, ge-
bolen in Unlingeu 1827, gestorbeil in
Rom 2. Februar 1903.

Ein bescheiden Blatt in unseres Künst-
lers blühenden Lorbeerkranz wollen mir
einflechten, wenil wir ihil auf feinem
weilen Weg von Unlingeli nach Rout be-
gleiten, in seinen Lehrjahren, seinen
Wailderjahren, feiner Romfahrt, feinem
Kunststrebeu und Kunstschaffen in uilseres
Königshauses Gunst begleiten.

I.

„Erlist ist das Leben, heiter die Kunst,"
sagt einer nnferer Größten, aber bis
dieses Reich der froheil, heitereil, leben-
verschöileudeil, geisterhebeuden Kunst er-
reicht und erobert ist, wieviel Erlist,
Mühe ulld Opfer, wieviel Entsagung und
Käiilpfe kostet es, kostet es selbst bei den
vom Glück am meisten Begünstigten!
Darulil erst durch des Künstlers Lebens-
geschichte zilr Kunstgeschichte! Vieles
dürfen wir dabei, unbeeugt von rechts
oder liilks, ails erster Quelle schöpfen;
für diese aus des Meisters Monumeiiten,
die seine geübte Hand mit dem Meißel
geschaffen, für jene aus dem Bild, das
feine Feder mit weniger geübter Hand
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