Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 33
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triebes, Schnitzereien für Spazierstockgriffe,
für die der Zehnjährige bei den Pfarr-
herrn der Umgebung guten Absatz fand,
veranlaßten seine Gönner, Pfarrer und
Lehrer, sich beim Vater für feine Aus-
bildung zum Maler oder Bildhauer zu
verivenden. Aber Vater Kopfs Kopf ivar
hart: „Du bist ein fauler Kerl, willst
nur zeichnen, nicht arbeiten," hieß es oft,
als Joseph aus der Schule kam uitb als
Lehrjunge in der väterlichen, wenig ren-
tablen Ziegelei, zugleich mit der ein Jahr
jüngeren Schwester Antonie, angestrengt
arbeiten mußte.

Die Hefte wur-
den zerrissen, die
Bleistifte zerbro-
chen. Einige Mo-
nate Lehrzeit bei
einem sog. „Bild-
hauer" in Ried-
lingen, wo fein
sehnlichstes Ver-
langen nach künst-
lerischer Ansbil-
dnngElfüllungzu
finden hoffte, wo
es indes mehr im
Kartoffelfeld als
in der Steinmetz-
werkstälte Arbeit
gab, hielt der
Junge nicht aus;
die Oede unserer
Friedhofkunst in
jenem halben
Jahrhundert be-
stätigt ebenfalls
den Tiefstand der
Lehrmeister des
jungen Kopf und ihrer Zeit im Vergleich zum
Aufschwung der jüngsten Gegenwart unter
Bildhauer und Steinmetzmeister August
Knaus und den Grabmälern derNokoko- und
Empirezeit. Aber der Drang zu künstlerischer
Gestaltung und höherer Geistesbildung
war auch in der wieder folgenden jahre-
langen Fronarbeit der bald darauf nach
R o t t u m verlegten Ziegelhütte nicht zu er-
töteil; Verkehr mit einem strebsamen
jungen Lehrer Bär, später Schultheiß in
Erolzheim, Anregung durch die Kunst-
werke des nahen Klosters Ochsenhansen,
drei Wochen vergeblicher Lehr- und Ar-

beitszeit bei Biberacher Steinhauerit nach
der mit der Mutter schweren Herzens be-
ratenen Flucht ans beut Elternhaus
nährten und stählten Geist und Charakter
in harter Lebensschnle. Die Heimkehr
des „verlorenen Sohnes" an der Seite des
Vaters, ohne Red' itub Widerred', ernst und
stumm, ist einfach und ergreifend in beit
Memoiren geschildert. Und doch spricht dort
der Künstlergreis mit so inniger Liebe
von seinen Eltern, von dem Dank, den
er ihnen schulde, trotz der harten Jugend,
auf der eine so schwere Hand lastete.

Nach beut ver-
geblichen Flucht-
versuch folgten für
den armen Bau-
ernburschen und
Zieglergesellen
ivieder drei lange
Jahre in Vaters
Hans und Feld
und Ziegelhütte,
die nur wenig
Zeit, aber für
starken Willen
noch genügend
Raum zum Lesen
— mehr vieles
als viel —, zum
Zeichnen und
Schnitzen übrig
ließen. Mit dem
ersten großen
Glück seines jun-
gen Lebens zog
Joseph Kopf als
Rekrut ein hohes
Los und wurde
mit dieser Zieh-
ung nrilitürfrei. Die Lehrjahre waren zu
Ende, es folgen die Wauderjahre; die
große Stunde, da der Genius rief, sollte
nunmehr geschlagen haben. Hinaus in die
Welt! Es bildet nach unseres größten
Dichters Wort ein Talent sich in der
Stille, sich ein Charakter in beut Strom
der Welt.

Warum ich so ausführlich ltitb ein-
gehend beiT den kleinen Anfängen eines
großeil Künstlers verweile, warum mehr
bei der stilleil Quelle als bem gewaltigen
Strom, länger all dein heimatlichen Do-
iiau- iliid Nottnnlstrande als an des fer-

Joseph Kopf (Porträt von Lenbäch).
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