Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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— öb —

Mut und Gottvertranen im Herzen, zog
Joseph Kops 1848, volljährig geworden,
nach der nahen Metropole Oberschwabens,
Ravensburg. Wie in Biberach suchte
nur zu bald das Unglück den in Stein-
hauerarbeiten ganz unerfahrenen, überan-
geftrengten Gesellen heim. Doch das Un-
glück, das ihn in den Spital brachte,
ward ihiu zum Glück. In der Lang-
weile formte der Patient aus Alabaster,
den er stets bei sich trug, seinen Fuß
auf dem Krankenbett nach. Der Arzt,
Dr. Liugg, bei dein die barmherzige
Schwester und Krankeuwärteriu den
Staubmacher verklagte, weit entfernt, un-
barmherzig die Arbeit zu verbieten, staunte
über die Schnitzerei und empfahl seinen
Schützling nach Genesung einem Grab-
steiubildhauer (Sommer), wo er die er-
sehnte erste mangelhafte Ausbildung er-
hielt. Bessere Gelegenheit zu plastischen
Arbeiten gab's bei dem Bildhauer Zeller
in Waldsee, wo er ait Maler Laug
einen kunstbegeisterten Freund und seinen
ersten Porträtisteu gewann, wo auch sein
Drang nach höherem Wissen und künst-
lerischer Fortbildung immer unstillbarer
ward.

Es würde zu weit führen, unfern
Bildhauergesellen auf seiner weiterer! ;
Wanderung und seinen nicht weniger be-
deulsaineu Lebeusschicksaleu zu begleiten,
nach München, Wiesbaden, Frei-
burg, wohin ihn sein rastloses Streben nach
Weiterbildung führte, wo aber der schlum-
nlernde Genius, in handwerksmäßige
Schranken gebannt, keine Ruhe fand. „Auf
nach Rom!" wie Konradiu Kreuzer seinen
schwäbischen Helden, den Hohenstanfen-
jüngling sprechen läßt, so klang es ihm
unaufhörlich in der Seele. „Auf nach
Rom" sagte er sich täglich laut vor, als
er in Freiburg bei Meister Knittel 90 fl.
erspart und zur Fahrt ins gelobte Land
der Künste die ersten Mittel sich erworben,
um in Rom die Weihe zum Künstler zu
erhallen, wie Tausende vor und nach ihm,
dort seines Herzens Sehnsucht seit den
Waldseer Jahren zu stillen, die Sehnsucht
nach Italien, die besonders Göthe in
ihiu wachgerufen und wach erhalten hatte:
„Kennst du das Land, wo die Zitronen

blühen ?

Dahin, dahin nröcht' ich ziehen."

Schweren Herzens und doch voll Hoff-
nung der Zukunft, seinem Stern, entgegen-
setzend, nahm Joseph Kopf Herbst 1852
Abschied von Freiburg, wo er auch die
Gelegenheit zu höherer Bildung an der
Universität reichlich ansgenützt, sein Wissen
und Können nur vieles verinehrt, über-
feine Seelenstimmnngen, seinen Kampf
mit den Mängeln jeglicher Vorbildung,
seine Fortschritte in der Kunst gewissen-
haft Tagebuch geführt hat — eine gewiß
seltene Hebung bei einem Steinmetzge-
sellen, wo er endlich im Kreise von Stu-
denten das zweite- und letztemal in seinem
Leben von einen: Gelage bezecht nach
Hause znrückkehrte. Dann besuchte er
seine Eltern, in Ettenkirch bei Fried-
richshafen jetzt ansässig, wo ihn: die
Mutter zum Abschied den Ehering mit-
gab — „Das einzige Gold, das ich dir
geben kann." — „Nach sieben Jahren,"
erklärt er, entschlossen, das Aeußerste für
seinen Beruf zu wagen, „konnne ich
wieder, wenn ich ein tüchtiger Künstler
geworden bin — wenn nicht, siehst du
mich nicht wieder." Wörtlich also hat er
Wort gehalten, ein Wiedersehen unter
den glücklichsten Umständen (1859) einst
gefeiert. Einen Pckgerzug int wahren
Sinn des Wortes trat Joseph Kopf am
5. Septenlber 1852 über die Alpen nach
dein Lande seiner Sehnsucht, seiner
Träume an, zu Fuß eine Künstlerwalz, deren
einzelnen Hanptstationen soviele köstliche
Detailschilderungen böten: Bregenz, Dorn-
birn, Vils, Zirl, Innsbruck, die Brenner-
straße hinab, wo er von einem lateinischen
Empfehlungsbrief des Heimatpfarrers,
„dem Schlüssel für geistliche Pforten in
Pfarrhäusern und Klöstern", den ersten
schüchternen Gebrauch geniacht, und we-
niger schüchterne echte Fechtbrüder dem
weinenden Gesellen die Kunst, sich in
Tirol herrlich dnrchznbetteln, lehren woll-
ten, dann Bozen, Kaltern, Trient, Verona,
Venedig, Loreto, Spoleto, Terni, überall
voll Entzücken über die geschauten Herr-
lichkeiten in Natur und Kunst Italiens.

Am 39. Reisetag endlich taucht vor
dem Wanderer die Peterskirche tut Mit-
tagssonnenglanz vergoldet auf, für Nom-
pilger seit Jahrhunderten ein überwäl-
tigender Augenblick. Doch wie merk-
würdig! der erste, ergreifend geschilderte
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