Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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Enthusiasmus will, je näher er der ewigen
Stadt Rom kam, dumpfen Sorgen, trü-
ben Stimmungen über seine Lage ohne
Geld, Empfehlungen, Kenntnisse weichen,
bis der Blick ans den Tiber den durch
die Porta del Popolo Einziehenden
wieder tröstet und ermuntert. „Schwe-
reren Herzens," gesteht er im Tagebuch,
„ist wohl kaum je ein deutscher junger
Mann dort eingezogen." Es war der
13. Oktober 1852, da der schwäbische
Bauernjunge in Rom einzog, die Geburts-
stnnde von Joseph von Kopfs Künstler-
existenz, von Ruhm und Reichtum. Dar-
um hat er, der gefeierte Kaiser- ltnb
Königsbildner, groß geworden, diese kleine
Stunde nie rnehr vergessen; in Worten,
Brief und Buch hat er bei der 50. Wieder-
kehr dieses dreizehnten — fürwahr keine
Unglückszahl, kein dies ater! — trotz
mancher Wandlungen dieselbe Dankes-
gesinnung gegen den obersten Lenker aller
Menschengeschicke ausgesprochen, beut er
vor Roms Toren aufdenKnien einst-gedankt.
Aus einem ungedrnckten Brief an seine
Schwester vom 23. Oktober 1902 sei
eine Stelle, Mißverständnissen mancher
Kreise gegenüber nicht ohne apologetisches
Motiv, hier vorgetragen: „Lese in meinem
Buch die Stelle über meine damalige
Ankunft nach und du wirst Gott doppelt
dankbar sein, der meine Wege so segens-
reich leitete."

Indes auch die Sonne am blauen
Himmel Italiens hat ihre Schatten,
lächelt selbst den: Glücklichsten nicht immer.
Die Illusion des angehenden Künstlers,
in Rom Beschäftigung zu finden und
dabei der großen Meister Kunstfertigkeit
einfach abznlernen, sollte nicht in Er-
füllung gehen; ein Künstler wies ihr: an
den andern, selbst Achtermann, der ihm
manche Gefälligkeit und Hilfe in der Rot
erwies. Bei aller Begeisterung für die
unsterblichen Schöpfungen antifer und
christlicher Kunst und eifrigem Lesen,
Studium und Zeichnen in Museen, Kir-
chen, in Bibel, Livins, Göthe, Winkel-
uiann und andereil war der Hunger nicht
gestillt, der sich nach Ablauf der freien
Bewirtung in Pilgerhospizen, Trinitä
dei Pellegrini lind Campo Santo
Tedesco, nach Zusammenschmelzen der
Gnldenbarschaft bis ans die unangreif-

baren, im Kleid eingenähten 40 fl. immer
fühlbarer machte. Wie wurde da von
den zwei Wochenlaiben, die beut hung-
rigen Deutschen ein italienischer Armen-
verein nach diskreter Wahrnehmung
seiner Notlage zur Abholung beim Bäcker
anwies, abends „heruntergesäbelt!" Durch
Stuhlschnitzereien bei einem päpstlichen
Schweizergardisten (Utlinger) verdiente er
schließlich Wohnung, Kost und lloch soviel
Wochenlohn, daß er mit bem Verdienst
des halben Tags die andere Hälfte einen
Kurs an der Kunstakademie S. Lucca
mitmachen konnte — „Ich verdiente Geld
und konnte dabei noch studieren, welcher
Jubel!"

Das erste Jahr in Rom, also
kümmerlich, willensstark und doch lebens-
froh gefristet, sollte nicht enden ohne ein
großes Glück als Lohn beharrlichen, tut«
verdrossenen, ehrlichen Strebens. Im
Atelier des böhmischen großen Bildhauers
Pilz, der ihm gegen Holzschnitzereien
Unterkunst, Material und Schulung au-
bot, begann Kopf seine erste Figur in
Ton zu modellieren, einen thronenden
Christus, in mehr als halber Lebens-
größe, ohne Modell, frei nach der Phan-
tasie, nur Pinturicchios Christus in
S. Croce als das anziehendste Vorbild
vor Augen, nach überstandener Malaria
endlich Februar 1854 vollendet. Rach
Pilz' Vorschlag folgten die damals be-
deutendsten Künstler Roms einer Ein-
ladung zur Besichtigung des Erstlings-
entwurfs, der wohlwollende und günstige
Veuiteilnngfand. C orneliusnudOver-
beck stellten dem jungen Künstler ein
rühmliches Zeugnis aus, das der eben-
falls eingelndeue väterliche Freund vieler
Künstler, der württembergische Konsul Kolb,
au die Negierung zur Erwirkung eines
Stipendiums §u sendeil bereit war. Bange
Tage, Wochen, Monate des Schwedens
zwischen Furcht und Hoffnung! Am
20. Juli 1854 endlich konnte Konsul
Kolb bem Glücklichen 200 fl. überreichen,
und nach Einsendung einer weiteren Ar-
beit neue Unterstützung durch die Kgl.
W ü r t t e m b e r g i s ch e Akademie der
Künste zusichern.

III.

Der Grundstein seines großeil Glückes
war gelegt. Dieser Christus, in Marmor
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