Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 39
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schrift „Mater dolorosa", eine aus-
drucksvolle totenmaskeuähuliche Kopf-
studie, voll zartester Ausführung und Em-
pfindung. Das kostbare Originalmerk ist
im Besitz des Herrn Rektors Kaiser hier,
der sie von bem Neffen Vogts als Pate
seiner Kinder geerbt hat.

Zur Aufstellung der gewaltigen Mar-
morkamine, nach dreijähriger Arbeit in
Rom vollendet und in 20 Kisten versandt,
reiste Kopf April 1867 wieder mit Frau
und Kind nach Stuttgart.

Die Majestäten luden die Professoren
der Kgl. Kunstschule und des Polytech-
nikums zur Besichtigung ein. Lübke,
der große Kunsthistoriker, der auch in
Kunstzeitschrifleu voll Anerkennnng über
das Monunlentalwerk urteilte, und Neher,
der aus Biberach gebürtige Direktor
der Kunstschule, beglückten den Künst-
ler vor allem durch ihr Lob, noch
mehr das köstliche Wort der Königin
nach Weggang der Professoren: „Wir
zwei können uns gratulieren zu unserer
Arbeit." Diese beiden Monumental-
werke im Kgl. Schloß sind zum ersten-
mal eigens für unsern Vortrag von Hof-
photograph Kick in Stuttgart aufgenom-
men worden mit Genehmigung der Kgl.
Schloßverwaltung, die unser Herr Rektor
durch Verulittluug des Herrn Direktors
Kolb au der Kgl. Kunstgewerbeschule
gütigst erwirkt hat.

Ein bitterer Tropfeil in all diesem Glück
war die Fahrt ans Grab der einzig guten
Mutter, dann bald barauf nach Rückkehr in
Nom unglaubliche Brotneidintrigen eines
verkrachten einheimischen Künstlers und die
dadurch veranlaßten Mißgriffe der kir-
chelistaatlicheu Prozeßpraxis, die zur
plötzlichen Verhaftung des ahnungslosen,
völlig schuldlosen Schwaben führten. Kö-
nigin Olga griff bei einem Besuch
in Nom November 1869 persönlich,
dann durch eine Spezialgesandtschast,
später auch der preußische Gesandte beim
Vatikan, für Recht und Ehre des deut-
schen Künstlers gegen eine unverständliche
Kabiuetsjustiz ein. Das unbegreifliche Er-
lebnis, erst durch den Fall der Porta
Pia zugunsten Kopfs entschieden, bildet
zweifellos den Hauptschlüssel zu dem vieler-
orts schmerzlich empfundenen Rätsel der

Geisteswandluug eines tief religiös ver-
anlagten Genins.

Nach dem glorreichen Krieg von 1870
bis 1871, au dem die delltsche Künstler-
kolonie lebhaften Anteil genommen hatte,
erfolgte eine neue Hofsahrt nach Fried-
richshafen, wo Königin Olgas Geburts-
tag (11. September 1871) durch Teil-
nahme des ersten Kaisers des neuen
Dentschen Reicks gefeiert wurde. Durch
gegenseitiges Mißverständnis sollte trotz
freundlichsten Empfangs durch die Maje-
stäten, freilich schon begleitet vonr Achsel-
zucken einiger Hoskavaliere, sogenannter
„guten Freunde", der Besuch im Au-
gust 1873 der letzte Stuttgarter Hof-
gaug werden. Das ergreifend schöne Bild
der Mater dolorosa, deren Antlitz
die Züge der edlen Dulderin Olga tragen
sollte, ward infolge 7 gegenseitiger Miß-
verständnisse') dem Künstler zum schmerz-
lichen Verhängnis, das auch zeitlebens
wie ein Schwert seine Seele durchdrang.
Die Königin hat die Gruppe bem Marien-
hospital in Stuttgart gestiftet. Aehulich
ist auch unsere nicht mit Kunstwerken ge-
segnete altehrwürdige Niedlinger Stadt-
psarrkirche um eine Kvpfsche Kunststiftung
gekommen, da beim Streit um die Platz-
frage der Eigensinn über den Knustsinn
wie noch öfters den Sieg davontragen
sollte. Habent sua fata libelli, auch
Kunstwerke haben wie die Bücher ihre
Geschicke.

Dafür sollte bald der Aar seine Flügel
weit über das Schmabenland ausbreiten.
Kaiser Wilhelm 1., sein Sohn und Enkel
und im Glanze der kaiserlichen Sonne
auch Fürstell voll Geblüt und Geist
wandten bem schwäbischen Künstler ihre
Gunjt zu, dem in der Heimat wohl der
erste Preis für das U h l a n b b e it k mal,
aber nicht die Ausführung übertragen
ward, nach bem ironischen Machtwort von
Uhlands Witwe: „Wir lvollen nicht bloß
einen Kopf, sondern einen galizen Mann."

Joseph Kopf wurde der bevorzugteste
Modeplastiker und Fürstenbilder, der
„Lenbach unter den Bildhauern" feiner
Zeit. Er hat über 15 Büsten Kaiser
Wilhelms „desGuteil" ausgeführt, die lvohl

;) Kopf äußert sich persönlich über dieses
tragische Erlebnis in den „Erinnerungen" S. 485.
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