Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 42
DOI Heft: 10.11588/diglit.16252.21
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16252.22
DOI Seite: 10.11588/diglit.16252#0051
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1912/0051
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
42

den hohen Aufbau der Altäre — ist bei unfern
späteren Bauten seit der wieder erwachten Kennt-
nis der mittelalterlichen Kunst, also etwa in der
Mitte des vorigen Jahrhunderts, die Anbringung
eines Knnstgemäldes eine Seltenheit. So sind
es nur wenige Bilder der einst so blühenden
Düsseldorfer Schule, der sog. Nazarener, die sich
in unseren Kirchen vorfinden. Mehr hat man,
freilich vielfach in handwerksmäßiger Art, an
sog. Flügelaltären nach spätmittelalterlicher Weise
an den Außenflügeln, bei geöffnetem oder ver-
schlossenem Altarschrein, Malereien angebracht,
was gewiß zu begrüßen ist. Allein es ist doch
sehr zu wünschen und auch dein Geiste der Kirche
entsprechend, daß die selbständig auftretende
Tafelmalerei mehr für unsere Kirchen begünstigt
werde. . . .

3. Um die kirchliche Malerei in der Erzdiözese
zu heben, haben wir vor einiger Zeit mit dem
Kgl. Staatsministerium uns benommen, und es
sind infolgedessen zwei neue Professuren
a n der K u n st a k a d e m i e z u D ü s s e I d o r f
zu deni Ende gegründet und mit tüch-
tigen Lehrkräften besetzt worden. Wir
machen die Hochwürdige Geistlichkeit darauf auf-
merksam und fordern auf, sich gegebenen-
falls an die Akademie in Düsseldorf
zu wenden, wo man ihr gern, auch
ri b e r h a u p t i n b e z u g a u f d i e A u s s ch m ü ck u n g
der Kirche, mit Rat und Tat z u r H a n d
sein wird. Anderseits bitten wir die Priester,
daß sie talentvolle junge Leute, die Beruf zu
Studium und zu praktischer Pflege der heiligen
Kunst, zumal dem der Malerei, zeigen, auf die
Düsseldorfer Kunstschule behufs weiterer Aus-
bildung aufmerksam machen. Kommen die Auf-
träge an die Künstler zur Schaffung von Ge-
mälden in unseren Kirchen und bilden sich immer
mehr junge Krä'te aus, bereit und fähig, Tüch-
tiges zu leisten, so ist die Hoffnung berechtigt,
daß auf dem Boden des Erzbistums wieder eine
blühende Schule für kirchliche Malerei erwächst,
die von Düsseldorf aus weithin, zunächst in
der Erzdiözese, sodann aber auch über die Gren-
zen derselben hinaus, belebenden Einfluß übe.
Sie wird anknüpfen an die alte, um die heilige
Kunst hochverdiente und mit Unrecht in letzter
Zeit mehrfach als minderwertig beurteilte Schule
und kann vieles von ihr lernen, aber sie braucht
nicht in allem so zu wirken und soll es nicht.
Die alte Schule hatte ihre Vorzüge und ihre
Mängel, und insbesondere ist der Einfluß des
Studiums der großen italienischen Meister un-
verkennbar. Unsere deutschen Kirchenmaler sollen
freilich auch die Meisterwerke der italienischen
Künstler kennen, studieren und von ihnen Nutzen
ziehen; aber es ist ihnen, und zumal den jüngeren
unter ihnen, doch zu empfehlen, daß sie vorzugs-
weise sich in die Schöpfungen unserer eigenen
großen Maler aus der zweiten Hälfte des Mittel-
alters und dem Beginn der Neuzeit vertiefen,
sie studieren, in ihren Geist eindringen, aus ihrem
Geiste heraus zu schaffen versuchen. . . .

Die im ersten Punkt ausgesprochenen
Grnildsätze stehen offenbar tut Zusammen-
hang mit dem Bestreben, einer Gegend wo-

möglich ihren architektollischen Charakter zu
belassen und die neu zu errichtenden kirch-
lichen Bauten beit alten anzunähern.
Die besollderen Voraussetzungen der Be-
kanntmachung treffen jedoch in diesem
Punkt für uits in Süddentschland nicht
in gleichem Sinn zu wie im Rheinland,
da wir in Süddentschland neben einer
Anzahl bedeutender romanischer und go-
tischer Kirchen auch überaus schöne, durch-
aus würdige und dem katholischen Volk
liebgewordene Kirche;! späterer Stilarten
besitzen, die der kirchlichen Kunst des
Schwabenlandes eitlen besonderen Cha-
rakter verleihen und das ganze Landschafts-
bild charakteristisch gestalten. Gewiß ist
zuzugeben: nicht alles an und in ihnen
hält vor einem geläuterten religiösen und
künstlerischen Einpfinden stand, vieles ist
nicht nur nicht nachahmenswert, sondern
direkt abzulehnen. Daneben aber bieten
diese Kirchen so viel Schönes, sie sind
bent Volk so lieb und traut geworden,
daß es sich nicht rechtfertigen würde,
wollten wir für unsere Verhältnisse ein
exklusiv romanisches oder gotisches Bau-
programm anfstellen. Eine solche Stellung-
nahme hat uns in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts unschätzbare künst-
lerische Objekte vernichtet, ohne Besseres
an ihre Stelle zu setzen. Selbstverständ-
lich werden wir anderseits aber auch
diesen Stilarten ihr volles Recht unge-
schmälert wahren.

Dagegen wird gerade die Pflege der
späteren Stilarten eine willkonnnene Ge-
legenheit bieten, das zweite in der Kölner-
Verfügung betonte Desiderat zu verwirk-
lichen: der Malerei in der Kirche wieder
mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wir
haben uns viel zu sehr von dem Ge-
danken beeinflussen lassen, daß eine Kirche,
auch wenn die zur Verfügung stehenden
Mittel bescheiden waren, am Konsekrations-
tag bis aufs Tüpfelchen hinaus fertig
sein müsse, bzw. daß nachher nichts mehr
daran zu geschehen habe. Man will
ein für allemal fertig sein. Menschlich
begreiflich ist dieser Gedanke ja wohl,
aber für den Kunstwert unserer Innen-
ausstattung ist er nicht eben förderlich.

(Schluß folgt.)
loading ...