Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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Marmortechnik ist nach Kiemlens lebens-
große»! Modell, das seinerzeit in Stntt-
gart viel bewundert wurde, in vorzüg-
licher Weise von Schön selb und Gras
ansgesührt worden. Die Gruppe steht in
einer Nische, deren Hintergrund in ma-
lerisch effektvoller Mosaik von Schell
und Vitalli in Freiburg i. Br. her-
gestellt wurde, unten in Kobaltblau, oben
in Perlmuttergrau mit einer Gloriole
endigend. Ru pp und Möller in
Karlsruhe fertigten die Architektur der
Gruppe in rötlich badischem Granit ans
dem Buhler Tal. An den Ansläufern
der Nische sind Tafeln für die Namen
der in der Gruft Beizusetzenden vorge-
sehen. Der Engel oben und die zwei
Weihwasserbecken seitlich sind nach Kiemlens
Entwürfen vonPelargus in Stuttgart
in Bronze gegosserr worden. Die gärt-
nerischen Anlagen des Ganzen sind von
Landschaftsgärlner Albert Büffler in
Stuttgart erstellt worden. Das herrliche
Kunstwerk findet allgemeine Bewunderung
und dürste zu den schönsterr modernen
Grabdenkmälern in Württemberg gezählt
werden. Eine Inschrift oben in Gold-
buchstaben lautet: Es ist vollbracht, eine
Inschrift unten im Sockel lautet: Selig
sind, die im Herrn sterben. Vaterunser
Dem begabten Künstler und hochherzigen
Besteller dieser Kreuzigungsgruppe ge-
reicht das eindrucksvolle, künstlerisch be-
deutende edle Werk zu hoher Ehre.

Kunstbildhauer Einil Kiene len ist ge-
boren in Cannstatt den 15. Januar 1869.
Er ist ein Schüler von Adolf v. Donn-
dorf, Professor au der Akademie der bil-
denden Künste in Stuttgart; er studierte
dann in München und in Paris an der
/^cuckemie Julien. Bon seinen plastischen
Schöpfungen erwähnen wir nur einige
der bedeutendsterr. Er schuf Porträtbüsten,
Brunnen und Werke dekorativer Plastik.
Wir nennen hier die Porträtbüsten Seiner
Majestät des Königs und Ihrer Majestät
der Königin von Württemberg, des Lnft-
schiffers Grafen Ferdinand v. Zeppelin,
des Professors Dr. Fcrißt am Stuttgarter
Konservatorium, des Kommerzienrats Mül-
ler in Mochenwangen; ferner verschiedene
Brunnen: Faunsbrunnen am Kanonen-
weg, Llbellenbrnnnen am Herdiveg in
Stuttgart, den Junobrunnen am Kursaal

in Cannstatt, die Statuen von König
Wilhelm II. und von König Karl an der
Karlsbcticke daselbst; ferner die Berg-
predigt und das Kruzifix in der evange-
lischen Stadtkirche zu Ebingen. Bei der
Pariser Weltausstellung 1900 erhielt
Kiemlen eine silberne Medaille, bei der
Dresdener Knnstansstellung 1901 eine
goldene Plakette, von Seiner Majestät
König Wilhelm II. voll Württemberg die
goldene Medaille für Kunst wtb Wissen-
schaft am Bande des württembergischen
Kronordens.

Die Wiesensteiger Glocken.

Ein Beitrag zur vaterländischen
Glocken künde?)

Von Pfarrer Wunder, Mühlhausen.

Bei de»l Brande der Stiftskirche
in Wiesen steig Anfang Mai 1648
waren auch die Stiftsglocken zerschmolzen.
Das übriggebliebene Metall derselben
wilrde wahrscheinlich verkauft, nur mit
dent Erlös die Kriegskontribntion zu be-
zahlen, welche die Bewohner des Wiesen-
steiger Tales an die Schweden ztl ent-
richten halten. In einem Schreiben voin
18. Juni 1648 an beit Generalvikar
Marlin Vogler in Konstanz berichtet näm-
lich Johann Christoph Herb, Kanonikus fen.
und zur Zeit Pfarrer von Wiesensteig, fol-
gendes (ans dem Lateinischen übersetzt):
„Wie groß im übrigen im Wiesensteigischen
Tat das Elend ist, kann Eure Paternität aus
folgendem ersehen: die Untertanen müssen zur
Kontribution einige hundert Gulden an das
durarische Regiuieut bezahlen; aber da jene
nichts haben, wollten sie die Glocken aus den
Türmen verkaufen und damit bezahlen. Da man
ihnen davon abriet, stellten sie an uns die Bitte,
man möge für sie das zerschmolzene Erz unserer
Glocken verkaufen unter Verpfändung all ihrer
Güter, daß so viele Pfund, als sie empfangen
haben, zurückzugeben seien. Was wir ohne Ein-
verständnis Eurer Paternität nicht tun wollten.
Wir bitten also demütigst und hoffen, jene werde
also väterlich zustinunen, weil jenes Metall so-
wieso schon den Soldaten preisgegeben ist, und
wenn sie es herausgraben würden, weder wir
noch die Untertanen einen Vorteil davon hätten."

Allem nach wurde das Glockenmetall
auch verkauft, denn bei den späteren

0 Quellennachweis: Akten des Kgl.
Staatsarchivs in Stuttgart, Faszikel Wiesensteig.
Or. Paul Keppler, Württembergs kirchliche Kunsl-
altertümer. Rottenburg 1888. Wiesensteiger
Pfarrchronik.
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