Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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Die Vorderseite teilt sich in zwei
Felder. Inder Mitte zwischen beiden erhebt
sich auf einer tellerarligen Basis, welche
mit Blättern dekoriert ist und über den
unteren Sockel weit hinaus ragt, der
Engel des Matthäus, flankiert vorn stehen-
den Ochsen (r.) und Löwen (L). Alle
drei Figuren Hallen ein anfgeschlagenes
Buch. Ans dein des Matthäus steht ge-
schrieben :

SMTEVS

A

AP f S

— S. Matthaeus apostolus. Die Falten
des Engelsgewandes laufen alle gariz pa-
rallel, auch die Federrr der Flügel. Das
Anstreten ist noch etwas unsicher, die Figur
erscheint plump, aber sie ist doch gut ausge-
drückt. Die einzelnen Figuren (Engel, Ochs,
Löwe) hatten schwarze Augensterne ans po-
liertein schwarzen Marmor, wie marr bei dem
Löwen iliid riamentlich bei dem einen
Arrge des Stieres, das noch ganz hell unb
schön glänzt, gut erkennt. Das vierte
Symbol, der Adler des Johaiines, fehlt,
und dainit auch das Lesepult. Die Felder
der Langseite sirrd breiter als die der Schnral-
seiten. Die erste Platte der Vorderseite
ist sicherlich jünger; wohl zeigt sie dieselben
Ornamente in weißem Marmor auf
schwarzer Platte, und zwar sind es in sechs
Kreisen vier geflügelte Untiere: Dracheii,
und zivei ohne Flügel. Aber diese erste
Platte ist nur aus weißein Marmor und
das Schwarze ist ausgezeichnet, während
auf den anderen Platten aus schwarzen:
Marmor die weißen Verzierungen ein-
gelegt sind.

Die erste Platte trägt die Ueberschrist:
Re8tauratum Anno Domini MDC
(1700) . . . Atque per Magistrum
ignotum.

Die zweite Platte der Vorderseite
hat die Ueberschrist: . . . (Eigenname)
Plebani ac venerabili(s) Presb)deri
fuit hoc pulpitum positum. Eine Jahres-
zahl ist auf dieser Originalplatte nicht
angegeben; and; der Meister nicht. Doch
wir finden die Angaben ans der ersten
Platte der westlichen Schmalseite. Dort
lesen wir am oberen Rand: Sexagesimus
secundus Domini annus Mille centum
(circum) actis tune erat. Die Kanzel
stammt also aus dem Jahre 1162. Diese

Feststellung ist wertvoll. Wir dürfen diese
Kanzel mit der in S. Miniato bei Florenz
in einiger Beziehung zufamurenstelleu. Die
dortige Kanzel gehört nach der Ansicht
Vurkhardts dem Ansgang des 12. Jahr-
hunderts an, also annähernd derselben Zeit
wie die in S. Gennaro. Die Karrzel in
S. Miniato zeigt rein nrusivische Arbeit,
mit Ausnahme der männlichen Figur,
welche ans einem Lömenkopfe steht und
j den Adler mit beut Lesepult trägt. Aehrr-
> lich hier bei der Kanzel in S. Gennaro,

! welche aber schon die Evangelisten-
s X) m bole darstellt. Nur wenige Jahrzehnte
später fiiibeu wir die Seiten der Kanzeln
schon mit den ersten Versuchen von Nelief-
darstellungen geschmückt, während in S.
Gennaro nur die Evangelistensymbole
figürlich dargestellt sind. Air den
Kanzeln irr Groppoli, S. Leonardo Ar-
cetri bei Florenz, Barga, Volterra usw,
welche uriten noch beschrieben werden, haberr
wir bereits oie ersten Reliefdarstellungen,
wohl rroch plrrmp, derb und unbeholfen.
Aber es war doch ein großer Schritt vor-
wärts, der bann durch Nicolo Pisano und
seine Schule zur Vollendung geführt wurde.

Wer ist nun der Meister dieser Kanzel?
Das sagt uns die Inschrift der ersten
Platte auf der westlichen Schmalseite iu
den Worten: AMagistro Philippo Com-
positum. Wer aber dieser Philippus
geweseri, welch andere Werke er noch ans-
geführt hat, wissen wir nicht. Schmarsow
kannte schon den Namen des Meisters,
aber das Alter der Kanzel war ihm nicht
bekannt. — Die zweite Platte der west-
lichen Schmalseite ist ebenso restauriert
wie die erste Platte der Langseite.

Der obere Rand der Einfassung der
einzelnen Felder trägt an der Vorder-
seite ein einfaches Sterrrornanrent (ein-
gelegter weißer Marmor läßt die Sterne
heranstreten). Diese Verzierung fehlt
aber au der Stelle, wo der Engel steht,
ein Beweis dafür, daß hier noch der
Adler mit dem Lesepult angebracht war.
Der Engel stand nicht hier, wie das
zwischen den beiden Platten oben neu
angesetzte Stück beweist. Der untere Rand
ist auf der Vorderseite ohne Verzierurrgeu,
im Gegensatz zrrr Hinteren Schmalseite,
welche oben und unten die reichste Ver-
zierung anfweist. Doch fehlt die Spur-
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