Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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sind nur die zwei vorderen, ans Granit be-
stehend, mit den korinthischen Kapitalen
geschmückt, erhalten, während die zwei
anderen, an die Wand angelehnten, mit
jonischem Kapital und ans schwarzern Stein
von der Restauration herrühren. Ihre
rohe Bearbeitung weist, wie Giglioli be-
merkt, auf die barbarische Restauration
von 1782 hin. Die ganze schwere Masse
ans Stein mit Architrav, Fries und
Karnies, welche sich ans die Kapitale
anfsetzt, gehört derselben Zeit an. Da-
gegen ist der obere Teil, der Kranz, welcher
die Reliefoarstellnngen abschlteßt, mit
Friesen, Eierstab und Zahnschnitt alt,
aber auch nur auf der Vorder(Lang)-
seile und der westlichen Schmalseite. Der
Rest ist restauriert in schwarzem, übel-
beschmutztem Stein. Alt sind auch die
schönen Einfassungen der Reliefs: An-
betung der Weisen, Stammbaum Jesse
und Abnahme vom Kreuz, in geschnittenem
Marmor, während er bei den anderen
Bildern durch eine Füllung von schmutzigem,
schwarz übermaltem Gips ersetzt ist.

Gehen wir zur Betrachtung der Reliefs
über. Sie sind in folgender Reihenfolge
angebracht:

Wand.



Die ursprüngliche Ordnung aber war,
wie die Inschrift auf der Vorderseite
beweist, folgende: Oestliche (rechte) Schmal-
seite: Präsentatio und Baptismus.

Vorderseite (Langseite): Adoratio und
Nativitas. Denn es stehen unten die
Verse unter dem ersten Relief: Tres tria
dona ferent, Trinum sub sidere
quaerunt.

Unter dem zweiten aber lesen wir die
Worte:

Admixtum cernunt . . . animalia
Christum.

Der Stammbaum Jesse gehört also
nicht hieher, vielmehr auf die westliche
Schmalseite neben die Depositio. Also
ergibt sich folgendes Bilo:

Bei der Besprechung der Reliefs be-
ginnen wir mit dem Stammbaum
Jesses.

Dieses Relief erweckt unser Interesse
deshalb so sehr, weil ans keiner anderen
romanischen Kanzel, auch auf keiner des
13. Jahrhunderts, dieses Motiv sich
findet.

Jesse ist bärtig dargestellt mit starkem
Haupthaar, in die Tunika eingehüllt; das
Unterkleid ist straff angezogen, so daß
die Körperlinien ganz klar heranstreten.
Er ist eingeschlafen und stützt liegend das
Haupt ans den linken Arm, während der
rechte in behaglicher Ruhe über den
Körper sich hinstreckt. Ans seinen Lenden
geht der Stammbaum heraus, der aber
nicht nach der Natur gezeichnet, sondern
stilisiert ist. Er trägt Zweige, Blätter
und Blüte und Früchte, durch zwei
Rosetten dargestellt. Zwei andere, mehr
naturgetreue Bäume, welche nur mit
weißein Marmor in die schwarze Füllung
eingelegt sind, umgeben die über deur
Baunr thronende Madonna. Maria,
welche auf einem Thron sitzt, in einen
iveiten Mantel und eine lange Tunika
gehüllt ist und eine Krone ans denr
Haupte trägt, hat nach Giglioli byzan-
tinischen Typus, das Aussehen einer
orientalischen Kaiserin. In ihrem Schoß
hält sie das segnende Kind, das aber ziem-
lich groß, als ein Knabe von 3—4 Jahren
dargestellt ist. In den vier Ecken stehen
Propheten, welche Spruchbänder in der
Hand halten. Der königliche Prophet
David ist leicht an der Königskrone zrr
erkennen; er steht links oben und hat
rvie unten Jsaias die Hand erhoben, wohl
nicht zum Segnen, sorrdern um ans die
Prophetie hinznweisen. In eine krrrze
Tunika und Mantel gekleidet trägt David
die Inschrift: Tu es sacerdos in

aeternum. Jsaias trägt einen zngespitzten
Bart und lockige, über die Schultern fallende
Haare. Seine Prophetie, auf der Spruch-
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