Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 56
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Schmuck. Die beglückenden Heilswahr-
heiten, welche unsere Herzeil ganz erfüllen,
sollen uns in Linie und Farbe vor das
Ailge treten, wie es seit den Zeiten der
ersten Christen war. Gewiß ninß zu aller-
erst deiil dringendsten Bedürfnis abgeholseu
werden. Aber es wäre höchst erfreulich,
wenn man bei uns auch der Jnnenans-
stattilng noch mehr zuwenden könnte.
Daß dabei die Hauptabsicht auf eine
monumentale Malerei gelegt werden sollte,
bedarf keiner weiteren Ausführung. Wo
dies aber liicht nlöglich ist — und in
unseren Verhältnissen wird mau sich wohl in
den nreisten Fällen etwas bescheideil müsseu
— da suche man wenigstens der Tafel-
malerei den ihr gebührenden Platz einzn-
rällmen llnd das eine lliid andere
künstlerisch wertvolle Tafelbild zll be-
schaffen. Es ist seit Janilschek und Mulher
leider eine wahre Mauie gewordeu, sich
über die Nazarener zu erheben niid sie
vlöglichst herabznsetzen. Jeder junge Stüm-
per uild Klexer glailbt sich — im glück-
lichen Besitz moderner Farbentechiiik —
himmelhoch über sie erhaben dünken zu
dürfen. Das armseligste kunsthistorische
Wissen weckt in feinem glücklichen Besitzer
das Bewußtsein, daß er berufen sei, über
die Nazarener seine volltönenden General-
verdikle losznlaffen. — Es fällt nie-
mand ein, die Malerei der Nazarener
als eine nbfolnt gültige Norm für ewige
Zeiten zll bezeichnell. Niemand stellt in
Abrede, daß ihre Farbengebung dein
heutigen Könllen nicht entspricht, daß
ihre Manier heute vielfach als zu süß-
lich enlpfunden wird, aber nufere heu-
tigen Maler würden trotzdenl gut tnn,
von ihnen zu lernen, fromm zu malen,
ill enger Fühlung mit dem Gedanken der
Liturgie, der katholischen Glaubenslehre
und der Geschichte der Heiligen.

Unter bem Titel: „Ein sonder-
barer Angriff ans die Kunst der
Nazarelier" hat vor wenigen Wochen
Geheimrat Professor Dr. Finke (Frei-
burg) gegen besonders seltsame Aus-
führungen dieser Art Stellung genonlmen.
Es war den Nazarenern voll Kollservator
Witte vorgeworfen wordeli, sie hätten den
Zwiespalt zwischeil religiöser und profaner
Kunst geschaffen. Seit jener Zeit feien
der Kirche die Zügel der Knlist ans der

Hand geivnndell. Dagegell habe — selbst-
verständlich! — der Protestantismus sich
der Kunst aligenomiilen. Davon zeugen
Männer wie Gebhardt und Uhde; Künst-
ler mit einer Kraft, die heute für den
Deutschen religiöses Bedürfnis ist. Alls
ihren Bilderli spreche Mannesfrömmigkeit
und weitgehendes Verständnis der Reli-
gion und der kirchlichen Ereignisse. —
Diese mehr als seltsameil Sätze fertigt
Finke in folgender Weise ab:

„Den Nazarenern ist alles mögliche mit Recht
und Unrecht vorgeworfen worden, daß sie
zu idealistisch, zu weich, zu wenig deutsch,
zu engherzig usw. gemalt hätten; daß sie

aber beu Zwiespalt in die moderne kirchliche
Kunstauffassung gebracht haben, das wird ihnen
hier wohl zum erstenmal aufs Schuldkouto ge-
schrieben. Umgekehrt wird ein Schuh daraus!
Die Nazarener, ob Overbeck und Cornelius, ob
Führich und die Düsseldorfer ist ja gleich, woll-
ten nichts airderes, als was ihr ganzes Zeitalter
wollte und tat: die Kultur- und Kunstideale be-
einflussen lassen durch eine größere Vergangen-
heit, dort das Mittelalter, hier die Renaissance.
Wie die Renaissance aus der Airtike schöpfte, so
die Nazarener aus der Renaissance. Gewiß, man-
cher verlor sich und seinen Stil, viele meinet-
wegen, lange nicht alle! Sie wollten sicherlich
nicht ihre Kunstauffassung zur alleinseligmachen-
den erheben, sie wünschten nur zu malen wie es
ihnen ums Herz war. Und was geschah? —
Da kamen die Konservatoren und Kunstgelehrten
und erklärten, solche Kunst könne man nicht gut-
heißen, sie sei zu weltlich. Einer — er wohnte in
Köln — nannte die Kunst der Apollinariskirche
direkt heidnisch. So begann der Streit und die Ent-
zweiung, und die Nazarenerkunst kam um ihre
großen Aufgaben, weil die kirchlichen Behörden
scheu wurden. Allerlei kann man darüber in
meiner Karl-Müller-Biographie lesen, und noch
manches wäre dem beizufügen. Der Hinweis auf
die Uhdebilder als Muster christlicher Kunst erinnert
mich an die seltsame Erscheinung, daß ein kleiner
Kreis junger Kunstgelehrter, Laien, aber auch
einige Geistliche, seit einigen Jahren sich nicht
genug tun kann in der Herabsetzung der Nazarener-
kunst. Zum Totschlägen gehört da nicht viel
Mannesmut, nachdem Janitschek und Muther
vorausgegangen sind. Aber eine vertieftere
kunstgeschichtliche Auffassung scheint mir doch in
den Werken Gurlitts, Schmids u. a. neuerdings
hervorzutreten, die jene Kunst aus ihrer Zeit
herauszuverstehen und liebevoll zu würdigen
suchen. Ist jenen Kritikern wohl jemals der
Gedanke klar geworden, was eine Kunst bedeutet,
die ein paar Jahrzehnte hindurch als die christ-
liche Kunst der ganzen Welt galt, über die ein
berühmter spanischer Maler wie ein irisches
Theologenblatt mit gleicher Bewunderung ur-
teilten, die auch jetzt noch, wo ihre Vertreter
Jahrzehnte tot sind, in den romanischen Ländern
wie in den Ländern englischer Zunge lebendig
ist, d. h. gekauft wird? Da sind die Franzosen
doch bessere Leute: sie ließen den von den
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