Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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unö die Lebendigkeit der Bewegung uub
Handlung. Sie den höchsten Grad

der Entwicklung an dieser romanischen
Kanzel. Giglioli geht darum kaum seht
mit seiner Annahme, daß dieses letzte
Relief von der Hand des eigentlichen
Meisters herstamme, der vielleicht auch
noch den Engel bei der Geburt fertigte.
Dieser Meister hatte aber verschiedene
Gesellen, wohl drei, die nicht alle gleich
gnt arbeiteten. Aiu rohesten und plumpsten
arbeitete derjenige, welcher die beiden
Reliefs: Anbetung der Weisen, Darstel-
lung im Tempel und Taufe Christi fer-
ligte. Besser ist die Art dessen, der den
Slanunbauiu Jesses gemacht hat. Viel-
leicht dürfen wir dieser Hand auch die
Fertigung des Reliefs der Geburt zu-
schreiben, so daß außer bem Meister nur
zwei Gesellen mitgearbeitet hätten; im an-
deren Falle aber sind es, wie Giglioli an-
nimmt, drei Mitarbeiter. Die Tatsache hat
sicherlich Giglioli zunr erstenmal naehge-
wiesen, daß Die Reliefs nicht alle von der
gleichen Hand gefertigt fein können. —
Rohault de Fleurp sagt in seinem großen
Werk (La Messe III. Paris 1883 p. 45),
es sei von dieser unbeholfenen Maurer
noch weit bis zu bem weisen Meißel des
Ricolo Pisano. Dies mag im allgemeinen
richtig sein. Doch wir haben auch au dieser
romanischen Kanzel eine Vorahnung der
Kunst Pisanos in der herrlichen Figur
des Nikodemus und auch in dem verkün-
denden Engel. All dieseil Figuren, beson-
ders an der des Nikodemus brauchte auch
ein Nicolo Pisano sich nicht zu schämen. Da
ist wahrlich der Abstand nicht lnehr so
groß. Ein Datum des Alters der Kanzel
lst llicht angegeben. Wir werden sie aber
lvoht mit Burkhardt richtig in den An-
saug des 16. Jahrhuilderts fetzen. Ob
sie aber die älteste Marmor kanzel dieser
Art ist, lilöchte ich bezweifelli. Die rohe
Art der Kanzel in Groppoli weist ent-
schieden auf ein höheres Alter hin. 4

4. Die K a il ze l im Dome
von V 0 lterr a.

Unr die gleiche Zeit lvie die Kanzel
von S. Leonardo in Arcetri ist nach der
Ansicht Burkhardts die Kanzel im Dom
von Volterra, das man von Cecina, an
der Linie Pisa—Rom gelegen, aus mit

der Bahn erreicht, entstanden. Schmar-
sow dagegeil hält diese Kanzel für jünger,
indem er auf die fortgeschrittene Vollen-
dung des ornamentalen Raukeuwerkes
hinweist. Es dürfte aber eher der An-
sicht Blirkhardts, welche auch von Rohault
de Fleury geteilt wird, beiznstimmeil
sein, liach welcher dieses Werk zil An-
fang des 13. Jahrhunderts entstanden
ist. Die Kanzel ist noch zieuilich weit

eiltfernt von der geschnleidigen uub fei-
nen Art der Nicolo; wir stehen hier

lioch unter bem Einfluß der erstell Schule
der toskanischeu Bildhauer (Fleurp p. 59).
Die folgende Beschreibung stützt sich aus
deu bei Rohault III p. 58, 59 wieder-
gegebenen Führer durch die Kathedrale

von Volterra von bem Archipresbrster
G. Leoucini.

Die Kanzel hat eine rechteckige Form,
ist ganz alis Marmor uub ruht auf vier
Säulen, von denen zwei aus grünem und
eine ails rotem Granit bestehell. Die

Säulen der vorderenSeite ruhen aufLöwen;
der eine der Löwen schlägt einen Widder
nieder, der aildere eine menschliche Figur.
Die Hinteren Säulen erheben sich ans
Tieren, auf einem Kalb und einem phau-
tastischen Tier mit luenschlichen Gliederll.
Die Kapitäle der vorderen Säulen
halten in den Winkeln skalpierte Köpfe;
die allderen zeigen nur Blätlerwerk. So-
viel aus der Abbildung bei Fleurp 51t
ersehen ist, erinnern die vorderell Kapitäle
sehr au die vou Groppoli; nur sind sie
hier feiner ausgeführt, ilnd die Akanthus-
blätter sind reicher. Eill schöner Fries
schmückt die Brüstnng.

Die Re l ie fs (vier im galizen) sind nicht
alle gleich gut. Besonders gering sind
die auf deu Schliialseiten. Auf der
Schmalseite gegell beit Eingang hin sieht
lllan fünf Figuren: Verkündigung

der Gebirrt Christi (rechts) und Heim-
silchilllg darstellend. Aus der entgegen-
gesetzten Schmalseite ist das Opfer Abra-
hams dnrgestellt: Abraham umgeben von
Jsak, dein Engel uub einigen Dienern.
Daneben der Widder, der sich hinter beu
breiten Blättern eines Strauches verbirgt.
Diese Darstellung, die einzige aus deln Alten
Testament, die sich meines Wissens an den
Kanzeln Toskanas findet, ist alls diesem
Grulld besonders inleressaut. Unser
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