Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 65
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Hauptinteresse aber weckt das Relief der
vorderen Langseite.

Wir sehen hier Christus mit seinen
Aposteln an einer mit einem Tischtuch
bedeckten Tafel sitzen. Johannes hat sich
an die Brust Jesu gelehnt. Ans dem
Tisch liegeil zwei Fische auf kleinen Schusseln,
ein Messer und zlvei Gesäße. Unten zu
den Fußen Jesu kniet eilte bartlose Figur,
welche die Hände zll Christus emporhebt
und von einem Drachen in die Ferse
gebissen wird. Gerade diese letztere Figur,
die fast allgemein für eine weibliche ge-
halten wilrde, hat manche Schwierigkeit
für die Erklärung dieses Reliefs gebracht.
Die meisten erklären die Szene als das
Gastmahl des Pharisäers Simon und
erblicken in der knieenden Gestalt Magda-
lena, welche von dem Herrn getröstet wird,
so auch Nohanlt. Semper meint in seiner
Uebersicht der toskanischen Skulptur,
Zürich 1869, daß diese Figur wahrschein-
lich eine reuige Sünderin bedeute, die int
Schoß der Kirche vor der Sünde und
Versuchung Rettung sncht. All diese Er-
klärungen sind nicht stichhaltig. Schmarsow
scheint mir die einzig richtige Erklärung
zu geben, wenn er hier das letzte Abend-
mahl dargestellt sieht. Die bartlose eigen-
tümliche Gestalt zu Füßen Jesu ist niemand
anders als Judas. Wie durch magische
Gewalt gezwungen, erhebt Judas knieend
seine Hand, um den Bissen zu empfangen,
der unter dem Tisch ihm gereicht wird
wie einem Bettler. Tie hinter ihm in
der ganzen Länge sich reckende Schlange
ist der Teufel, welcher eben tut Begriff
ist, den Judas vollstätldig in Besitz zu
nehmen. Die Schlange will eben nach
dem Fuß des Knieenden fchtiappen. Wäre
in dieser Figur Magdalena dargestellt, so
wäre die Stellung des Drachen nicht zu
begreifen. Derselbe müßte doch dargestellt
sein, wie er auf das Wort des Herrtl
hin flieht. Zudem müßte doch, tvenn
es wirklich das Gastmahl Simons bedeuten
sollte, der Gastgeber selbst auch dargestellt
sein. Derselbe fehlt aber. Wir haben
oben an der Tafel neben Christus nur
II Apostel mit den Namen. Unten ist
Judas allerdings ohne Name. Es ist
zweifellos, daß oie Auffassung Schmar-
sows die richtige ist. Die symbolische
Erklärung Sempers ist hinfällig aus dem

gleichen Grund, der oben gegen die Auf-
fassung der Figur als Magdaleita ange-
geben wurde. — Was die Art der Dar-
stellung noch anlangt, so sitzen die Apostel
in einer Reihe da; einige derselben er-
scheinen in zweiter Linie nur als hervor-
guckende Köpfe. Die Mehrzahl der Apostel
haben runde, kurzbärtige Köpfe; das Haar
ist iu der Mitte gescheitelt. Bei Christus
dagegen fällt das Haar in längeren Locken
auf den Nacken. Noch zu bemerken ist
unter dem Thron mit hohem Schemel,
auf welchem Christus fitzt, die Figur des
Stieres, des Symbols der Stärke.

Nach Schmarsow ist der Meister dieser
Kanzel ein Komaske ltitb gehört jener
Schule von Steinmetzen an, die sich da-
mals in Toskana zu Marmorvirtnosen
und Bildhauern verfeinerten.

(Fortsetzung folgt.)

Beek. Aeltester Buchdruckkalender aus
Schwaben.

Der älteste der in Druck hergestellten Ka-
lender ist, was wir hiemit unserer Abhandlung
über „Aelteste Holzschnitte aus Schwaben" in
Band X, 1893, Nr. 15, S. 59—60 und Bei-
lage 16, S. 29—32 des „Diözesan-Archiv von
Schwaben" nachtragen, gleichfalls das Werk eines
Schwaben, nämlich des Johannes d e G a-
mundia (Gmünd), wenn anders derselbe nicht
aus Gmunden in Oberösterreich stainmt. Dieser,
„der Vater der mathematischen und astronomischen
Wissenschaften in Deutschland"(ch um 1442 in Wien),
welcher schon mit dem Dominikanermönch Johs.
Ni der aus Jsny i. A. (ch im Jahre 1438
zu Nürnberg) verwechselt wurde, gab den ge-
nannten Erstlingskalender um das Jahr 1439
heraus, welcher von zivei jetzt in der kgl. Bib-
liothek zu Berlin befindlichen Tafeln in groß
Folio gedruckt wurde. Einen Abdruck von den
Originalstöcken enthält Falkensteins Geschichte
der Buchdruckerkunst Leipzig 1856. Mit rüh-
render Einfachheit und Unbehilflichkeit in Holz
geschnitten, präsentieren sie sich, wenn sie auch
schon gleich Illustrationen zu den einzelnen
Monaten bringen, die in gewisser Hinsicht typisch
geworden sind, denn noch heute findet man gleiche
und ähnliche Motive verwendet. Man fieht aus
diesem merkwürdigen Blatt des berühmten Ma-
thematikers außer der Anzahl der Monalstage
und den in Medaillonform über jedem Monat
dargestellten, ihm eigenen Beschäftigungen auch
die Tag- und Nachtlänge verzeichnet; ferner die
Mondsphasen, die Zeichen des Tierkreises, die
unbeweglichen Feiertage und das Datum des
j Osterfestes für einen bestimmten Zeitraum. In
den vier Ecken der Vignette stehen oben die Bil-
der der Sonne und des Mondes und unten
arabische Ziffern, die die Dauer der Tage und
Nächte bestimmen; und zwar bezeichne,: die Zahlen
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