Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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unter der Sonne die Dauer der erstereu, und
umgekehrt. Tie einzelnen Tage des Monats
sind nicht mit Zahlen bezeichnet, sondern nur
durch Linien unterschieden; statt dessen stehen an
der Seite die Buchstaben a—g; a bedeutet stets
einen Sonntag. Rechts von den Wochentagen
befinden sich die Buchstaben des Alphabets, die
den periodischen Mondumlauf darstellen sollen,
und da sie dafür nicht ausreichten, so sind einige
Buchstabenzeichen hinzugefügt. Der Kalender ent-
hält übrigens eine beträchtliche Zahl von Druck-
fehlern; io sind die Namen vielfach unrichtig,
z.B. Thimotei, philippi. Sehr naiv sind auch
die bildlichen Darstellungen, so z. B. für den
Mai, in dessen Medaillon man ein nacktes Weib
in einem Bottich erblickt, das einen Blumenstrauß
in der Hand hält, während ein Jüngling daneben
auf einem Stuhl sitzt und die Laute spielt. 2(uf
diese erste Kalenderinkunabel folgt diejenige des
Job. Müller, Negiomontanus, i. I. 1473, die
in deutscher Sprache abgefaßt war uud sich so
großen Beifalls erfreute, daß in einem Jahr
zwei Auflagen erschienen. Diese o seltene Werk
besteht aus 31 in Holz geschnittenen Tafeln in
klein 4°. Die Textschrift ist eine ungemein tlare
und charakteristische, so daß sie für diesen Ziveck
außerordentlich geeignet ist, und auch die ganze
Anordnung des Kalendariums ist übersichtlicher
als bei dem vorgenannten. Von demselben Ge-
lehrten erschien sodann bald darauf ein anderer
Kalender, der aus 30 Jahre eingerichtet war und
den das Geschick so manchen Buches traf; er
wurde einige Jahre später in lateinischer, deut-
scher und italienischer Sprache nachgedruckl. In
diesem Kalender findet sich auch eine Erklärung
der Planeten und der unter ihnen geborenen
Kinder; von dem Planeten „so!" heißt es:

Die sonne man mich nennen sol
Der myttelst planet byn ich wol
Warm vnd trucken kan ich sein
Natürlich gantz mit meinem schein
Der laive hot meines Hawses crer>ß
Dorynne bin ich roste heiß
Doch ist saturnus stetiglich
Mit seiner kclde wedir mich
Dirhoet werd ich in bem ster.

In der wogen falle ich her nyder
In dreihundert vnd füiss vnd sechczig tagen
Mag ich mich durch czeichen tragen.

Welch ein gewaltiger Unterschied zwischen diesen
prinritiven Wiegenkalenderdrucken und den schon
gegen das Ende des vorvorigen Jahrhunderts
aufgekommenen Almanachen, vollends aber zwi-
schen den heutigen, mit allem Raffinement mo-
derner Technik hergestellten Kalenderdrucken!

Die Wiesensleiger Glocken.

E i n V e i t r a g z u r vaterländischen
Gl 0 ckenknnde.

Von Pfarrer Wuirder, Mühlhausen.

In einer Urkunde ans dem Anfang
des 18. Jahrhunderts werden die Stifts-
glocken beschrieben wie folgt:

Unterthänigster Bern bt der Glocken, so in
beiden Thürmen zu Wiesensteig hangen, wie
folgt:

Die große Glocke wiegt 38 Ztr., hat den
Ton C ') scharf Cornett C.

Die andere (zweite) in dein andern
Thurm gegenüber, in dem schwarzen Thurm
hangend, wiegt 24 Ztr., hat den Ton 1),
ist eine Sekund voir dem C, nämlich D.

Die dritte Glocke, die Marienglocke,
hangt bei der großen in dem weißen Thurm,
wiegt 17 Ztr., ist eine Sekund von I), oder
eine Terz vom obigen C, das E E.

Die vierte Glocke, in dem schwarzen
Thurm, Cyriaksglocke, wiegt 11 Ztr., hat
das E, ist wieder eine Sekund von E und
eine Quart vom obigen C, sollte eine
Quint sein E.

In dem schwarzen Thurm die Mittags-
glocke genannt, die zersprungen ist, muß
etwas höher als C gegossen werden, näm-
lich zwilchen C und Cis, wiegt die alte
300 Pfund, die neue sollte 380 Pfund wiegen C.

Die kleinste in dem schwarzen Thurm
(von Theodosius Ernst in Ulm v. I. 1688.

D. E.) wiegt 190 Pfund, hat das E, ist wieder
eine Oktav von dem oberen E, oder eine
Terz von C ä) E.

Die oben genannte Mittagsglocke wurde
im Mai 1718 von Theodosius Ernst in Ulm
umgegossen, die alte wog nach dem Wagscheiir des
Ulmer Wagmeisters 36 ) Pfund, die neue 374
Pfund. Sie hatte die Bildnus 8. Mariae Vir-
ginis und S. Cyriaci M. Sie wurde am
28. Mai 1718 in den Turm hinaufgezogen (den
13 Männern, so tie Glocken in den Turm
hinausgezogen, sind bezahlt worden 52 kr.).
Diese Glocke zersprang schon im Jahre 1756.

Zur gleichen Zeit und vom gleiche:: Meister
wurde auch für Do z bürg ein Glöckchen ge-
liefert in: Gewicht voi: 14712 Pfund. Die alte
zersprungene, welche darangegeben wurde, wog
99 Pfund. Theodosius Ernst bekam für die
beidei: umgegosseiren Glocken 100 sl. 20 kr.

1749. Daß ein auf den Freyth 0 ff zu
Wiesensteig') gehörig, mit denen Bildnussen der
hl. Leonardi und Franzisci Taverii bezeichnete
Glocke allhier den 2. September 1749 ad ho-
norem B. V. Mariae geweihet worden, und * 2

*) Die jetzige hat den Ton, Cis und auch die
nächsten drei sind entsprechend un: eine,: halben
Ton höher.

2) Die Bezeichnung „weißer" und „schwarzer"
Turn: möchte aufs erste befreindei:. Die Er-
klärung ist aber ganz einfach: Beim Brai:d im
Jahre 1648 wurde der südliche Turn: schwer be-
schädigt und mußte deshalb außen und innen
verputzt werden, deswegen „weißer" Turin, der
nördliche hatte weiüger gelitten, wurde deshalb
auch nicht verputzt, zeigt vielmehr heute noch seine
durch Alter und Rauch geschwärzten Tufsstein-
guader, deswegen „schwarzer" Turm.

') Gemeint ist die Leonhardskapelle aus dem
Friedhof zu Wiesensteig, wo die Glocke noch
heute häng:.
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