Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 68
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Einzelblattes M. 2.50. Wechselrahmen
in Eiche für die kleiire Ansgabe M. 4.—.
(Verpackung M. —.70.) — Große

A usgn b e für Schulzwecke (Wandbilder).
Durchschnittliche Größe 40x60 cm, in
6 Lieferungen zu M. 7.—, Preis der
ganzen Serie M. 42.—, des Einzelblattes
M. 3.50. Wechselrahmen in Eiche für
große Ausgabe M. 5. — . (Verpackung
M. 1.—.) Jos. Köselsche Buchhandlung,
Kempten und München.

Eine Unsumme von ästhetischen Werten liegt
in diesen 12 Bildern aufgestapelt. Vom grünen
Wellengekränsel der Wasserwüste bis zu den Licht-
und Farbenwundern des Firmamentes hat sich
der Pinsel des Künstlers kein interessantes
Problem entgehen lassen. Man betrachte nur
das Bild: „Jesus lehrt im Tempel". Ist es
nicht, und zwar zum Vorteil des Ganzen, eine
Skala schöner Gewandfarben geworden? Aber
auch wenn diese herrlichen Effekte nicht als Zweck,
sondern als Mittel zum Zweck in Betracht ge-
zogen werden, wird man sie in den meisten
Fällen als äußerst glücklich bezeichnen müssen.
Es ginge nicht mit rechten Dingen zu, wenn
„Jesus am Oelberg" nicht in Bälde zu unfern
volkstümlichsten religiösen Darstellungen zählte.

In unserer Zeit, der Aera der eucharistischen
Bewegung und der Herz-Jesu-Verehruna, fragen
wir sofort nach dem Christus unseres Zyklus.
Unzweifelhaft kann die Kunst ungemein viel zur
Bewurzelung dieser Andacht beitragen. Nur
sollten beide, Kunst und religiöse Uebung, ver-
schiedene Wege gehen. Die Kunst sollte uns das
heiligste Herz Jesu episch und noch besser dra-
matisch vorsühren: das heiligste Herz Jesu bei
der Predigt, beim Wunderwirken, im Leiden, in
der Glorie, das heiligste Herz Jesu und die
Sünder, die Feinde, die Kinder, die Jugend,
die Apostel, die Mütter, die Kranken, die Dar-
benden usw. Andernfalls droht die Darstellung
zu einem Zwitterding zwischen Person und Sym-
bol herabzusinken. In dieser Richtung hat Füget
den Bedürfnissen der Zeit meisterhaft entsprochen.

Den besonder» Dank des Katecheten verdient
die „Erweckung des Lazarus". Im Mittelpunkt
des Wunders steht nicht Lazarus, sondern
Christus. Es ist eine Glaubensschule: „bamit
der Menschensohn verherrlicht werde." Eine
Vorschule mit höchst individueller Behandlung der
Schüler ist vorangegangen. Auf dem Bilde tritt
nun wunderbar anschaulich der ebenso individuelle
Erfolg zutage. Die Gestalt des Lazarus bildet
ein Kunstwerk für sich. Deutlich gewahren wir,
wie nicht nur der Leib aus der Nacht des Grabes
sich zum Licht emporrichtet, sondern auch die
Seele der Nacht der Bewußtlosigkeit entsteigt.
Und doch wendet sich eine Person vom frischen
Wunder weg der Quelle desselben zu: Maria,
die kontemplative Schülerin, die keiner eigenen
Vorschule bedurft hatte. Anders Martha, die
vor allem human gerichtete. Noch immer dem
aufqualmenden Leichengeruch wehrend, starrt sie
dem wiedererwachenden Bruder in die zaghaft
sich öffnenden Augen, nicht ohite einen Zug von

Gefaßtheit: eine Wirkung der Worte: „Habe ich
dir nicht gesagt, daß du die Herrlichkeit Gottes
sehen werdest, wenn du glaubst?" Weniger
Aufregung nehmen wir bei Petrus wahr: Zu
den vielen alten Beweisen seiner göttlichen Macht
hat der Meister einen neuen, noch schlagenderen
gefügt. Bei den übrigen Zuschauern sehen wir
die mitgebrachten Vorurteile gegen Christi Pro-
phetenauit hilflos zusammenbrechen. Blag der
Eindruck aus die Kleinen bei andern Bildern sich
rascher einstellen, in didaktischer Fruchtbarkeit und
Nachhaltigkeit wird dieses wohl von wenigen
übertroffen.

Die Kreuzigung allerdings, der leider der
beschränkte Raum etwas Abbruch tut, steht auch
in dieser Hinsicht höher. Die Verlebendigung
des Vorgangs ist in einer Weise gelungen, daß
man sich unwillkürlich an moderne Parallelen
erinnert.

Ich möchte die symbolische Bedeutung des
Bildes der historischen noch vorziehen. Erläutert
mau daran das Wesen der heiligen Messe, wie
ergreifend stellt sich dann dessen Charakter als
Bitt- und Sühnopfer dar. Mit dem römischen
Hauptmann ergreift einen die Tragik derer, die
teils wegen Verstocktheit (linker Schächer), teils
wegen Gleichgültigkeit und irdischen Sinnes der
Früchte verlustig gehen (römische Soldaten!).
Die Prachtfigur der fürbittenden Muttergottes
veranschaulicht aufs glücklichste die Rolle der
Heiligen an den einzelnen Festmessen. Weniger
will uns die nach unserem Empstnden allzu
mondanin gefaßte Gestalt der Magdalena zusagen.

Theophanien kommen uns diesmal drei zu
Gesichte. Die letzte (Die zehn Gebote) scheint
wohlgelungen, die beiden andern dagegen kön-
nen wir trotz der Weiglschen Experimente (Kate-
chetische Blätter 1910 S. 205 ff.) nicht betrachten
ohne eine leise Besorgnis, der „Wahre Jakob"
könnte sie eines Tages für seine Zwecke benützen.
Die Verschiedenheit der Wirkung entspringt der
teils mehr, teils weniger diskreten Behandlung
des Nackten. Während man das Nackte von
interessierter Seite her als künstlerisches Element
preisen hört, wirkt gerade bei Füget manche
Nacktheit beinahe störend prosaisch. Einigemal
steht der Wirkung die Proportion entgegen, die
dem gewöhnlichen Beschauer als Mißverhältnis
erscheint. Wer hätte nicht schon Lust gehabt,
die Arme des Verlorenen Sohnes und des
Aegyptischen Joseph (Verkauf) um einige Zoll zu
kürzen! ..Kain und Abel" paßt übrigens
auch inhaltlich nicht in mein katechetisches Kon-
zept. Nach meiner Auffassung ist Kain alles
andere, nur kein gemeiner Mörder. Vielmehr
liegt eine tiefe Tragik darin, daß ihn seine un-
geordnete Religiosität gerade zu einem solchen
Ende geführt hat. Genau so liegt die Sache
unter unfern Verhältnissen mit der Nutzanwen-
dung. Welcher Katechet hielte es für aktuell,
direkt den Mord zu bekämpfen? Wohl aber ist
der Neid um der göttlichen Gnade willen eine
aktuelle, sehr aktuelle Sache, auch schon unter
Kindern. Wir wünschen dem Werk eine beträcht-
liche Verbreitung.

Frommenhausen. Pfarrverw. A. Fischer.

Stutteart. Buchdruckcrei der Nkt.-Ges. -Deutsches Velksblntt".
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