Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 69
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^eraiisgeaebeii und redigiert von Universitäts-Professor Dr. L. Baur in Tübingen.
Eigentum des Kottenburger Diözesau-Kunstvereius;

Kommissions-Verlag und Druck der Aktien-Gesellschaft „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart.

Lr. 8

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1912.

Die Grabdenkmäler der Herren
von d'peth aus drei Jahrhunderten
in der Pfarrkirche zu Awiefaltendorf.

Von N. A. R.

Wenn nach einem unserer ersten Kunst-
historiker treffenden Urteil die zahlreich er-
haltenen Epitaphien ans den früheren
Jahrhunderten „gleichsam die steinernen
Blätter und Tafeln eines großen monu-
mentalen Buches bilden, in welchem so-
wohl der Historiker als der Kunstforscher
zu lesen hat, und welches über die ver-
schiedensten Fragen, bis herab auf Tracht
und Kleidung, zu orientieren vermag" 1),
so zeigt ein Ueberblick über Grabmals-
kunst in Württemberg, daß dieser all-
gemeill anerkannten Bedeutung die Schä-
tzung, literarische Würdigung und monu-
mentale Erhaltung nicht immer entsprochen
hat. Beklagt ja in seinem neuesten Ueber-
blick über die kirchliche Denkmalsknnde und
Denkmalspflege in der Erzdiözese Freiburg
der Freiburger Kunsthistoriker und Konser-
vator Joseph Sauer, daß der reiche,
zwischen Plastik und Klinstgewerbe stehende
Zweig der Grabdenkmalkunst in der kunst-
geschichtlichen Literatur so wenig Beach-
tung finde. „Und doch fordert er wie
kaum ein anderes Gebiet zur raschen Be-
arbeitung seines Denkmälerbestandes her-
aus, weil er nur zu sehr dem langsamen
oder schnellen Untergang tagtäglich aus-
gesetzt i)t2). Wie viele der schönsten mittel-
alterlichen Steinplatten sind wohl noch

fl Keppler, Württembergs Kirchliche Kunst-
altertümer, 1888, S. LVIli.

fl Freiburger Diözesanarchiv37, t 909, S. 270ff.

' erhalten, aber Verwitterung und die Füße
der darüber wandelnden Generationen
haben ihren Inhalt für immer ans-
gelöscht" fl.

Lange genug ist mau auch im schwä-
bischen Nachbarland achtlos drüber- und
vorübergegangen an jenen stille», stummen
Denkmälern, die soviel von den Vorfahren
ans früheren Jahrhunderten zu erzählen
wissen, von ihrem Glauben und Hoffen,
ihrem Leben und Schaffen, vom Kommen
und Gehen der Geschlechter. Wie viele
sind zerstört oder der Zerstörung nahe ge-
bracht worden, ehe ihr Wert erkannt und
gewürdigt wurde! Und wie viele sind nach
endlicher Einsicht in ihre geschichtliche und
knnstgeschichtliche Bedeutung ans ihrem
ursprünglichen Standort weggeflihrt wor-
den, fristen fern vom belebenden Mntter-
boden, in den sie hineingestellt und hinein-
gewachsen sind, ein schattenhaftes Dasein
aus jenem oft genug einem Friedhof
gleichenden Stapelplatz von Monnmenten-
massen, in den Museen, wo sie in der Fülle
anderer Kunstwerke verschwinden, von
größeren Schöpfungen in den Schatten
gestellt werden, jedenfalls in den meisten
Fällen des angeborenen individuellen
Reizes und der angeschasfenen Wiiknng
der Umgebung, für welche sie bestimmt
waren, verlustig gehen.

Indes ist unfern Kirchen und Kapellen
landauf landab noch eine ansehnliche Fülle
von Epitaphien verblieben, die noch der
beschreibenden Hand harren, ehe ihre
Schrift immer unleserlicher wird, die
Rätsel, ivelche sie in knnfthistorischer,

I fl Ebenda S. 325.
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