Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 70
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chronologischer, ikonographischer Hinsicht
bieten, immer schwieriger werden. Noch
fehlen der bisherigen Forschung, deren
sich nicht wenige Grabdenkmäler, wie
die in Lorch, Stuttgart, Hall, Com-
bnrg, Maulbronn, Schöntal, Tübingen
n. a. erfreuen durften, Aufschlüsse über
die Meister hervorragender Schöpfungen
der Sepnlkralkunst. Auch kleine Denk-
mäler köimen durch geringe, bislang un-
beachtete Momente, wie Monograunne und
Steinmetzzeichen, Kleinodien werden, lang
gesuchte knnsthistorische Zusammenhänge
finden lassen; stilistische Eigentümlichkeiten,
allegorische Beigaben und Inschriften
können auf die Spur eines Künstlers
oder einer ganzeil Schule führen. Nicht
zum wenigsten wird auch die Geschichte
der Liturgie, der Bolksandacht, volks-
tümlichen wie kirchlichen Glaubenslebens
Gewinn ziehen, da sich solche Wandlungen,
weniger inhaltlicher als formeller, die
Mysterien der Religion versintibildenden
Art, gerade in der Entwicklung der
Epitaphienkunst kundgeben.

Nach all diesen Beziehungen gibt uns
die kleine Sammlung von Epltophien
eines kleinen Kirchleins im oberen Donau-
tal willkommenen Aufschluß, der außerdem
zur Berichtigung einiger Versehen in amt-
lichen Publikationen führen wird. So
führen uns die Pfade heimatlicher Ge-
schichts- und Kuusterforschnng an ach-
tungswerten Denkmälern der Vorzeit vor-
über, vergegenwärtigen uns die große Ver-
gangenheit der Kirche von Zwiefalten-
dorf und des Geschlechts, das jahrhun-
dertelang sie schirmte.

Allem nach ist die Kirche in Zwie-
faltendorf eine der ältesten Pfarrkir-
chen des Landes, deren hohes Alter frei-
lich wenige Spuren mehr verraten. Bereits
im Jahre 776 schenkte Graf Agylolf, zu
Marchtal gesessen, an das Kloster St. Gal-
len Güter und Rechte der St. Michaels-
kirche zu Zwiefaltendorf1). Die jetzige
Kirche znm hl. Michael, in gotischem
Stile erbaut mit gotischein Wandtaber-
nakel und sterngewölbtem Chor, wurde im
Jahre 1740 größtenteils erneuert, nur

0 S. Neugart, Codex diplomaticus Nr. 66.
Die Lücke der Urkunde au dieser Stelle glaubt
Menimiuger in der Beschreibung des Oberamts
Riedliugeu 1827, S. 7 also ausfüllen zu müssen.

noch der steinerne Kirchturnr mit Sattel-
dach und durch Lisenen gegliederteur
Giebel ist noch ans alter Zeit geblieben.
Die Herren von Emerkingen, die das
Patronat zuerst besaßen, verkauften es
im Jahre 1288 an das Kloster Zwie-
falten, worauf die Herzoge von Teck auch
auf die Lehensherrschaft Verzicht leisteten ff,
und im folgenden Jahrhundert wurde
die Kirche bem Kloster einverleibt, wäh-
rend Burg und Dorf schon vorher im
Jahre 1311 von den Grafen von Schelk-
lingen für Graf Eberhard von Württem-
berg eingeilommen worden war. Von
Württemberg kam die Burg mit dem
Ort an die Speth, deren Grabdeuk-
inäler ans bem 15. und 16. Jahrhun-
dert Chor und Schiff der Kirche schmük-
ken. Letztere kilrze Notiz ist der einzige
Beitrag, oen die alte Oberamtsbescyreibung
zur Erklärung rinserer Epitaphien zu
geben verrnag. Selbst die neueste Be-
schreibung des Oberavlts Münsingen be-
klagt das Fehlen jeder Vorarbeit für die
Geschichte dieses weit ausgedehnten Adels-
geschlechts und warnt vor Benützung der
nicht weiter bekannt gewordenen Schrif-
teil Arturs von Spethff.

Einiges über die Geschichte dieses
adeligen Geschlechts, das bis ins 19. Jahr-
hundert hereiri auf dem Schloß zu Zwie-
faltendorf gefesserr uitb nunmehr feit An-
fang des neuen Jahrhunderts von den
Freiherrn von Bodmanrr abgelöst worden
ist, zu erfahren, wird zur Erklärung der
in rnehr als einer Hirrsicht interessanten
Denkmäler von 'Nutzen sein. Bis jetzt
scheint keine Urkunde sich gefunden zu
haben, die uns authentischen Aufschluß
gibt, wann uub wie Burg und Dorf
Zwiefalten, 1108 als inferior Zwieval-
ten, 1275 Zwivalten villa urkundlich
bezeichnet, au die Fauiilie derer von Speth
gekommen ist. Nach einer Greiizbeschrei-
bungsurkunde der Vogtei Busseil vom Jahre
1407 rnüssen die Speth bereits am Au-
fang des 15. Jahrhunderts in dieser
Gegend all der Heerstraße von Reut-
lingen, im Hirschfurt Unterzell an der
Donau, Güter besessen haben. Und um
die Mitte desselben Jahrhunderts weist * 2

S. Sulger, Annales Zwilaltenses I. 230.

2) 1912, S. 774 A. 1.
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