Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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rafft und in der rechten die Spule hält.
Links sitzt ganz klein vor dem Haus die
Magd beim Garnwickeln. Dieses Relief
nimmt die kleinere Hälfte der Schmalseite
ein. Durch einen schmalen Pilaster, ans
welchen das Haus von Nazareth gezeich-
net ist, getrennt, sebließt sich auf der
größeren, zweiten Hälfte die Darstellung
der Geburt Jesu an. Joseph sitzt auf
einer Bank in seinen Mantel gehüllt.
Maria liegt halb aufgerichtet auf einem
schrägen Lager, mit der Inschrift: ch virgo
Maria fuit nostrae medicina salutis.
Ueber Maria schwebt ein Engel in Halb-
fignr mit ausgebreiteten Armen; neben ihm
über Joseph der eingelegte Stern. Diese
Figuren sind alle unter bem ersten
Bogen. Unter bem zweiten sehen wir,
wie an die Säule der Arkaden ange-
nagelt, in schräger Stellung die Krippe,
in welcher das eingewickelte Jesuskind ruht.
Ochs und Esel, von denen nur der Kopf
sichtbar ist, schauen in die Krippe her-
ein. Unten daneben als zweites Haupt-
bild die Badeszene, welche aber ganz
rituell, wie eine Taufe dargestellt ist. In
einem auf hohem Baluster ruhenden Weihe-
becken steht das Jesuskind, das von zwei
Frauen gehalten wird.

Von dem größeren Relief an der Lang-
seite : die Anbetung der Könige und Rckt
derselben, ninnnt Rohault in seinem Werk
keine Notiz. Das Hauptbild vollzieht sich
in fünf Arkaden, was den Zusammenhang
sehr stört. In den ersten drei Arkaden
ist der Ritt der drei Könige dargestellt.
Jeder einzelne von ihnen sitzt auf einem !
kleinen Pferd; den übrigen Raum füllen
oben und unten Rosetten ans, wie mir
eine solche auch über der Badeszene ans
der Schmalseite sehen. In den beiden
letzten Bögen sehen wir die Anbetung.
Es ist aber nur der älteste König an-
wesend , der, mit der Krone auf bem
Haupt, den Nacken und das Knie beugt
und dem Jesuskind eine Büchse (mit Gold)
darreicht, lieber ihnr schwebt der Engel,
welcher den Weg weift. Maria thront
unter der letzten Arkade mit dem Kinde
auf bem Schoß, das mit einer Schrifl-
rolle in der Hand den anbetenden König
in ganz ritueller Weise segnet. — Leider
verdeckt, wie schon oben bemerkt rvurde,
das Lesepult mit den Eoangelisiensrpu-

bolen das Relief zu einein Teil (eine
Figur).

Rohault de Fleury (p. 43) setzt diese
Kanzel in das 12. Jahrhundert. Mit
mehr Recht aber verweist Burkhardt (380)
dieselbe vor allenr wegeu ihrer zierlichen
Arbeit ungefähr in die Mitte des 13. Jahr-
hunderts und rückt sie der 1246 voll
Guido da Como in S. Bartolomeo in
Pantano zu Pistoja gefertigten Kanzel
ziemlich nahe. Schmarsow geht noch
weiter, indem er sagt, daß diese Kanzel
das Werk eines geringereil Schülers des
Guido da Como sei, der ungefähr gleich-
zeitig mit Nicolo Pisano arbeitete. Jeden-
falls weisen die Spitzbögen der Arka-
deil in Verbindung mit den zierlichen Fi-
guren und Ornainenten auf die Mitte
des 13. Jahrhunderts hin.

6. Die Kaiizel iu S. Bartolomeo
in Pantano zu Pistoja.

Pistoja kailn sich rühinen, drei hervor-
ragende Kanzeln zu besitzen. Wer die

toskanischen Kanzeln des 13. Jahrhunderts
studieren will, iuuß vor allem nach
Pistoja gehen. Wir können an diesen

Werken ganz besonders den Fortschritt

kennen lernen, welchen die Plastik in
diesen Zeiten geinacht hat. Welch ge-
waltigen Fortschritt zeigt die Kanzel
des Giovanni Pisano in St. Andrea
zu Pistoja gegenüber der Kaiizel in
S. Bartoloiileo! Die Kirche S. Barto-
lomeo in Pantano hat ihren Namen da-
her, daß sie an einem sunlpfigen Ort
errichtet wordeil ist. Veiuerkenswert ist

an der Fassade der Architrav mit
den zwölf Aposteln 1167 gefertigt.
Das schönste Monnmeiit im Innern dieser
Kirche aber ist il Pergamo oder die
Kanzel. Die Inschrift an der Vorderseite
nennt lins den Meister der Kanzel:

Sculptor laudatus quidoctus in arte
probatus Guido da Como, quem
cunctis carmine promo.

Also Guido da Coiilo, oder wie fein
eigentlicher Name lautet: Guido V i g a-
relli voll Como ist der Meister dieser
Kanzel. Von ihul besitzen wir noch das
Taufbecken im Vnttistero zu Pisa. Eben-
falls voll seiner Haild sind die Skulpturen
am Hauptportal des Domes von Lucca
sowie die Statue des hl. Michael am
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