Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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Oratorium S. Giuseppe ju Pistoja.
(Vergl. Burkhardt II <g. L80/8I.)

Auf einem ziveiten Stück der Ein-
fassung finden wir das Jahr der Voll-
euduug: 1 25 0 angegeben. Eine spätere
Inschrift an dein Vorderrand der Unter-
platte berichtet, daß der Abt Alexuider
a Nipa ans Mailand 1591 die Kanzel
von den Chorschranken wegnehmen, ver-
größern und ansschmücken ließ: Sug-
gestum auxit, decoravit, transtulit.
Dies geschah aber nicht zum Vorteil der
Kanzel, vielmehr wurde die symmetrische
Anordnung und harmonische Wirkung
zerstört. Jetzt ruht die Kanzel ans drei
vorderen Säulen und lehnt sich an die
südliche Wand des Schiffes. Die beiden
ans schwarzein Stein bestehenden Säu-
len stehen ans Löwen, von denen der
rechte eineil Drachen bäiidigt, welcher ihn in
die Kinnlade beißt. Die linke Säille
sieht ails einer mähnengeschmückten Löwin,
welche ihr Junges sängt. Unter der
mittleren Säule, welche ans weißgeäder-
tem Marrnor besteht, sehen mir einen
alten Mann, der in gebückter Stellung
seine Hände ails die Kniee stützt. Nach
Schmarsow (p. 61) erinnert diese Figur
sehr all die Person des Gealterten am
Tansbecken im Battislero zu Pisa, das
ja auch von Guido da Coino herrührt.
Es ist wohl dieser glattrasierte Mann
mit runder Kappe, engem Kittel nnb
Ledelstrnmpfstiefeln der Meister selbst.

Es befinden sich an der Kanzel zwei
Lesepulte. Das größere ans der rechten
Seile diente znnl Verlesen des Evangelinnls.
Auf einer Konsole, welche ähnlich wie in
Groppoli durch den Tenfelskopf gebildet
ist, steht der Engel des Matthäus mit dem
Löwen des Markus nnb dem Ochsen des
Lukas. Die beiden Vierfüßler sind riicht,
rvie Schmarsow meint, nur ganz ober-
flächlich und willkürlich angeklebt. Sie
steheii ans den Hinterfüßen und gehören
notwendig zu bem Engel und dem Adler,
bem Symbol des hl. Johannes, der zn-
gleich Träger des Pllltes ist. Für die
Figur des Engels diente wohl ein an-
tikes Allster als Vorbild; die schwarzen
Augensterne sind für Guido da Como
bezeichnend.

Ans der linken Seite (gegen den Chor
hin) ist das Epistelpnlt angebracht. Unter

ihm stehen drei lebensvoll dargestellte
Figuren; in der Mitte der vollbärtige
Paulus, ihm zur Seite vielleicht Lukas
nnb Johannes, beide bartlos. Wohl ist
die Haltung noch etwas steif und befangen,
die Gesichter gleichförmig, aber der Aus-
druck ist doch verschieden: der fest-

geschlossene Mund, die geblähten Nasen-
flügel und der scharfe Blick verraten doch
etwas Leben und Individualität. Es ist
wohl anznnehmen, daß das Epistelpult
hier nicht am richtigen Orte steht. Wie
bei der Kanzel im Baltistero zu Pisa
wäre es etwas tiefer anzubringen. Die
beiden Löwensänlen würden dann näher
znsammengerückt werden, während die
Säule mit dem Mann zurückversetzt wer-
den müßte als Trägerin eines die Bo-
denplatte der Nednerbühne tragenden
Querbalkens. Kann aber dieser Punkt
nicht mit Sicherheit festgestellt werden, so
doch die ursprüngliche Anordrirrng der
Reliefs. Es sind im ganzeil acht Dar-
stellungen, vier ans der Jugendzeit und
vier aus dem verherrlichten Leben Jesu:
Verkündigung, Geburt, Anbetung, Dar-
stellung im Tempel — Höllenfahrt, Gang
nach Emmans, Erscheinung vor beit ver-
sammelten Aposteln, der ungläubige
Thomas. — Jetzt sind die Reliefs in
der folgenden Ordnung verteilt. Auf der
Schmalseite gegen Osten findet sich gar
keine Darstellung; vielrnehr wird sie
gebildet durch eine rein ornamental be-
arbeitete Platte der ehemaligen Chor-
schranken. Das will das Wort der zweiten
Inschrift: auxit bedeuten. Ans der Vor-
der(Lang-)seite haben wir drei Platten
mit je zwei Reliefs:

Ia Descensio ad inferos
fb Emmaus

Ila Jesus erscheint den Elfen
Ilb der ungläubige Thomas
lila Nativitas

Geburt Christi

Mb Darstellung im Tempel.

Auf der Schmalseite gegeit Westen sehen
wir ans der ersten Platte oben: Ver-
kündigung; unten: Anbetung der Weisen.
Schmarsow hat wohl das Nichtige getroffen,
wenn ec meint, daß ursprünglich die
Reliefs auf folgende Weise verteilt waren :
Die vier ersten, nämlich Verkündigung,
Anbetung, Geburt und Darstellung waren
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