Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 78
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artigen Behang getrennt ist, zeigt auf
der einen Hälfte die Belohnung der Ge-
segneten, auf der andern die Strafe der
Verdammten, welch letztere in Höllen-
kesfel geworfen und von Dämonen mit
tierischen unförmigen Köpfen verschlungen
werden. Unter biefeit Darstellungen läuft
wiederum ein noch breiterer Fries, der
mit prächtigen Vlattornamenten angefüllt
ist. Nicht minder reich ist die Aus-
schmückung des Portalgewändes, die in
den Bogenlai-
bnngen ganze
Gruppen von
Heiligen und
Engeln, die
sich in üb-
licher Weise den
Krümmungen
der Bogen an-
schmiegen, auf-
weist, während
auf den Posta-
menten zwischen
beu zierlichen
Rundsäulcheu
der Portalfei-
ten Apostel- und
Heiligenfiguren
mit den Attri-
buten ihrer Tu-
genden oder
ihres Marty-
riums, in der
Weise der vor-
geschrittenen
Gotik model-
liert, stehen.

Noch elegan-
ter und reicher
gibt sich die
Südseite der
Kathedrale mit dem wundervollen Schmuck
an durchbrochenen Brustwehren, steilen,
doppelt übereinander angeordneten Strebe-
bögen, zierlichen Fialen, eines herrlichen
Kreuzschiffes mit prachtvollen Fensterrosen
und wirkungsvoll umrahmten und ge-
gliederten Spitzbogenseustern. Die dritte
Schauseite ist die nördliche Front, welche
mit einem, Gotik und Renaissance in
bunter, fast kecker Mischung vereinigenden
Kreuzgang eng verbunden ist; sie ist be-
reits erwähnt worden.

Auch im Innern herrscht Einheit des
Stils, wenn man den Bau vom Laug-
schiff oder vom Presbyterium aus mustert.
Durchschreitet mau die Hallen, so wird
der Blick freilich auf die in römisch-
griechischem Geist trefflich gestaltete Halb-
kuppel der Vierung fallen. Doch trotz
der hier und auch sonst noch in manchen
Ausstattungsstücken, z. B. der Rückwand
des den spanischen Domen eigentümlichen,
in das Langhaus eiugefügteu Choro, vor-
handenen nicht-
gotischen Stil-
formen erscheint
der Bau ausge-
zeichnet durch
seinen rhythmi-
schen Zusam-
menklang Pes
Ganzen und,
was besonders
in seinem In-
nern zum Aus-
druck kommt,
durch seine fast
unbegreifliche
Kühnheit des
Ausbaues. Un-
begreiflich er-
scheint dieser
Aufbau, wenn
mau die Leich-
tigkeit des Fun-
daments , die
sehr hohen Ge-
wölbe (30 m),
die geringe Dicke
der Pfeiler und
die schlanken
schmalen Mau-
ern betrachtet,
welche überall,
rings herum ungeheuren Fenstern sich
öffnen. Sowohl im Hauptschiff als in
den Seitenschiffen wird die Mauerbreite
von Strebepfeiler zu Strebepfeiler durch
weite, zierlich ornamentierte Fenster aus-
gefüllt, die auch die ganze Höhe ein-
nehmen und das feinste Maßwerk um-
spannen. Die größte Basis der Pfeiler
beträgt nur 43/.i Fuß, die Breite der
Mauer über den Bogen der Seitenschiffe
nur 31/4 Fuß. Und doch hat dieser Bau
bereits einem halben Jahrtausend ge-
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