Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 79
DOI Heft: 10.11588/diglit.16252.36
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16252.39
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16252.40
DOI Seite: 10.11588/diglit.16252#0088
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1912/0088
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
79

trotzt. Das Material ist gelblicher Kalk-
stein, der sich in der vornehmlich trockenen
Atmosphäre Spaniens gut zu halten
scheint.

Ueber den Bogen, die das Hauptschiff
mit deu Seitenschiffen iu Verbindung
setzen, läuft durch deu ganzen Raum (auch
in den Kreuzschiffen) eine Galerie oder
ein Triforiunl von gedoppelten Spitzbogen
hin, in denen durch Säulcheu, kleinere
Bögen und Zackeurosetteu Unterabteilungen
entstehen. Darüber, auf dem über deu
Pfeilern vorspriugeudeu Gesims fußend,
nehmen die Fenster mit ihren breiten
OeffnNngen, mehr als 40 Fuß hoch, den
Rest der Mauerflächen ein. Jedes Fen-
ster besteht au3 sechs kleineren Bogen
innerhalb des großen, der den äußeren
Rahmen bildet. In dessen Einschluß sind
drei Rosen angebracht und ebensoviel
achteckige Säulcheu, mit zwei anderen
abwechselnd, die von unten gesehen als
einfache Rundstäbe erscheinen. Auf der
Westseite ist in der Höhe von 70 Fuß
eine durchbrochene Galerie mit vier Spitz-
bogenfenstern arigebracht, und noch höher
eine prachtvolle Rosette mit großein Durch-
messer, bereit Oeffnnng durch sorgfältig
verschlungenes Maßwerk ausgefüllt ist.

Der Leichtigkeit und großen Zierlichkeit
des Hauptschiffs eiitsprecheil aufs beste
auch die ebenfalls sehr leichten dnrch-
brocheneil Mauern der viel niedrigeren
Seiterischiffe. In ihnen öffnen sich zwei
nur durch schmalen Ouerstreif getrennte
Reihen spitzbogiger Fenster. Eineil der
zauberischen Effekte rufen die Die Fenster
füllenden herrlichen bunten Glasscheiben
hervor. Sie sind zuni größten Teil noch
die vorzüglichen alteil ! Die Zeit, der sie
angehören, wie die Künstler, die sie
schufen, sind leider nicht bekannt. Ihrem
Stil nach müßte mau die gemalten
Scheibeil zu den ältesten Spatiiens rech-
iien (Alifang des 15. Jahrhunderts).
Die dargestellten, meist pflanzlichen Mo-
tive, sowie die Heiligen uub die Szenen
ans der Heiligen Schrift re. erfreueil durch
wohltuende Durchsichtigkeit, lebhafte, kräf-
tige Farbeliwirkung und eine brillalite,
effektvolle Behaildluiig des Kolorits. Von
der Wirkung dieser Fenster, die besoiiders
lnorgeils und abellds inagisch ist, kann
mall sich, eine Vorstellung nlachen, wellll

lnan bedenkt, daß ihre Zahl, eng anein-
alldergereiht und jedes der Fenster bis
12 m hoch, etwa 230 beträgt! Es gäbe
noch vieles, besonders an Ausstat.tnilgs-
stücken Anführenswertes, doch wolle die
Würdigung in rein baulicher Beziehung
genügen.

Literatur.

Gebhard Fugel, Bibelbild er. 24Kunst-
blätter tu Vierfarbendruck. Kleine Aus-
gabe (30x40 cm) M. 24. —. Preis de^
Einzelblattes M. 2.50. Große Ausgabe
(10x60 cm) M. 42.—. Preis des Ein-
zelblattes M. 3.50. Kempten imb München.
Jos. Köselsche Buchhandlung.

5. Lieferung: Durchzug durch das Rote Meer ;
Joseph wird verkauft; Geburt Christi; Brotoer-
inehrung.

6. Lieferung: Vertreibung aus dem Paradies;
David und die Bundeslade; Pfingstpredigt; Be-
rufung P.tri.

Hübet scriptnra sacra harmlos pritnos,
habet secundos, habet tertios. Das lehren
uns wieder diese Serien. Welcher Beschauer
fühlte sich von dem Zug durchs Note Meer nicht
beinahe befremdend überrascht ? Mancher wird
kopfschüttelnd seufzen: der nüchterne Fugel ist
unter die Affektierten und Effekthascher gegangen.
In Wirklichkeit ist es die Majestät der biblischen
Poesie, die uns zunächst frappiert. Der treff-
lichen Uebersetzung des „Meerlieds" von Norbert
Peters (Friedensblätter 1907 S. 219) entnehme
ich die Strophe:

„Die Größe Jahwes, die göttliche Macht
hat starr wie Stein den Feind gemacht,
daß sicher wandre der heilige Zug
des Volks, das Gott aus Aegypien trug."

Da haben wir so recht die Seele des Bildes.
Oder findet jemand den Schinerz der Eva
(Vertreibung aus dem Paradiese) übertrieben
und lächerlich 1 Er möge nur sein Gewissen
erforscheir, ob er auch schon ben Versuch gemacht
hat, iu die Psychologie des Vorgangs einzu-
dringen. Welche Resonanz mußte die Entschul-
digung Adams („Das Weib, das du mir zu-
gesellt, hat mir von dem Baunie gegeben") tit
einem echt weiblichen Herzen Hervorrufen! Muß
ein solcher Vorwurf, bekräftigt durch die uner-
bittliche Sprache der Ereignisse, sich nicht auf
die hier dargestellte Weise als Selbstverdam-
mung austoben? Adam scheint es vor der
Wirkung seines Wortes zu grauen, weshalb er
den Blick von Eva weg in die Ferne richtet.
Allein er bereut nicht so säst mit dem Gefühl
als mit dem Willen. Wie das Weib die Reue,
so verkörpert der Mann durch sein entschlossenes
Ausschreiten und seinen resoluten Blick den Vorsatz.

Ob die Ausschöpfung einiger biblischer Daten
in „Joseph wird verkauft" ebenso glücklich aus-
fiel, ist fraglich. Der Jüngling scheint mit

seinein bunten Rock denn doch zu viel vvn seinem
fürstlichen, Herrscherträume gewohnten Geist
ausgezogen zu haben.
loading ...