Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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Besonders wohltuend berührt in den vor-
liegenden Serien der urkatholische Geist. Bei
aller historischen Treue ist aus der Uebertragung
der Bundeslade eine erhebende Prozession ge-
worden. Die „Geburt Christi", originell und
doch wieder echt kindertümlich, zeigt uns einen
Madonnentypus, der keinerlei Zugeständnis an
protestantische, neuerdings vielgepriesene Vor-
bilder verrät. Die Reichsschule Christi, ihre
Einleitung und ihren Abschluß, vertreten die
zivei Bilder: „Berufung Petri" und „Pfingst-
predigt". Das erstere zeigt uns ein einsames
Tal. Es ist Vorfrühling. Einzelne Blumen
erheben ihre goldenen Patenen über den ange-
flogenen Nasen. Wie Vorboten eines kommen-
den Frühlings erscheinen uns auch die drei Män-
ner: Jesus, Petrus und Andreas. Ueber der
„Pfingstpredigt" dagegen webt eine sommerliche
Atmosphäre der Reife. Vor denr Prediger dehnt
sich eine echt großstädtische „Menschenwand".
Gefährlich war der Versuch, die „Brotvermeh-
rung" in abendliche Stimmung zu tauchen. Doch
wird man gestehen müssen, daß eine wirklich
störende Undeutlichkeit gerade noch vermieden ist.

Eirdlich sei die Angabe des Einzelpreises der
Bilder aufmerksamer Beachtung empfohlen. Zwar
sollte jede Schule die Anschaffung des ganzen
Werkes anstreben. Auch bezüglich der An-
schauungsmittel darf sich der Religionsunterricht
nicht in den Hintergrund drängen lassen; er-
maß auf die volle seiner Stundenzahl ent-
sprechende Berücksichtigung dringen. Aber wo
sich dem Schwierigkeiten entgegenstellen, können
Nummern wie „Jesus am Oelberg" oder der
„Durchzug durch das Note Meer" Pionierdienst
leisten.

F r o ui nt enhause n. Pfvw. A. Fischer.

Der Maler P. Rudolf Blättler. Ein
moderner Fiesvle. Bon Or. P. Albert
Kuhn, O. 8. B. Biographie, mit Titel-
bild , 70 Tafeln mit Illustrationen und
mit Bildern im Text total 415 Dar-
stellungen. 148 Seiten. Lexikon-Oktav.
M.18.—. Einsiedeln (Benziger u. Co.) 1911.
Wenn Sebastian Brunner noch einmal sein
köstliches Buch über die „Künstler der Kloster-
zelle" schreiben könnte, würde er zweifellos einen
der ersten Plätze dem Meister einräumen, welchen
unser bedeutendster Kunsthistoriker und Kunst-
ästhetiker, P. Albert Kuhn, einen „modernen
Fiesole" genannt hat. Diesen Untertitel hat
der Verfasser der großen Kunstgeschichte seinem
neuesten Werk, einein Lebensbild und Schaffens-
bild des Einsiedler Benediktinerpaters Rudolf
Blättler, ebenso treffend als ehrenreich angefügt.
Auf 78 großen Textseiten wird uns ein Bild
der künstlerischen Entwicklung des im vorletzten
Jahre im Alter von 70 Jahren verstorbenen
Ordensgenossen entworfen, wobei der Meister
feinsinniger Kunstanalyse nicht weniger die Feder
führt als der priesterliche Freund und Berater
und Förderer des Künstlers der heimatlichen
Klosterzelle. Und 70 Bildertafeln mit 415 Dar-
stellungen gewähren uns reichen Einblick in eine

Fülle künstlerischen Schaffens, Proben aus den fünf
Foliomappen füllenden Handzeichnungen, aus einer
über 1000 Nummern zählenden Portrütstudien-
saminlung, Hunderten von Kartons, Aquarellen,
Oelfarbenskizzen und 40 Skizzenbüchern aus allen
Gebieten von Natur und Kunst und Menschen-
leben, vorwiegend jedoch der religiösen, erbau-
lichen Kunst. Text und Illustration legen mit
feinstem Verständnis und anerkannter Meister-
schaft, wie sie nur einem P. Albert Kuhn eigen
ist, all die Einflüsse auf die werdende wachsende
Künstlerseele klar, durch die P. Rudolf Blättler
„ein Fiesole an seelenvoller Innigkeit der Auf-
fassung, an tiefreligiöser Stimmung ward, aber
ein Fiesole der Neuzeit, übersetzt in die Gefühls-
weise und die flüssigen Kunstformen des aus-
gehenden 19. Jahrhunderts".

Der Lebensgang des Malermönchs von Ein-
fiedeln hat nicht viel Außergewöhnliches aufzu-
zeichnen, außer der Weihe zum gottbegnadeten
Künstler und seinen persönlichen Beziehungen
zu anderen größeren Meistern wie Deschwan-
den in Stans, Böck in in Florenz, Achtermann
und Seitz in Rom, Defiderius Lenz in Beuron,
Benz und Baumeister in München, Stauffer in
Bern, selbst Adolf v. Menzel in Berlin. Im
Jahre 1841 in Buochs am Vierwaldstätter See
geboren, bezog er 1855 das Einsiedler Benc-
diktinergymnasium, das er bald mit dem Novi-
ziat vertauschte. Die erste Kunstschule war ihm das
Atelier Des ch w and ens in Stans, zu dem
der Schüler im Ordenshabit bald in ein inniges
Freundschaftsverhältnis trat, ohne jedoch dessen
allzu süßliche Malmanier anzunehmen, auch hierin
sein persönliches Gepräge wahrend. Wie auf
den Schweizer sein großer Landsmann, wirkte auf
den Benediktiner die junge Beuron er Schule,
mit der ihr Ordensgenosse im Jahr 1875 per-
sönliche Beziehungen anknüpfte und zeitlebens
unterhielt; jedoch nach seiner Jtalienreise 1882
erfuhr die lange Zeit überschäumende einseitige
Begeisterung für diese hieratische Kunst eine
starke Abkühlung, er wurde der Schranken ihrer
im Nahmen monastischen Lebens begrenzten For-
mensprache sich bewußt. Nur einzelne Schöp-
fungen seines überaus vielseitigen, mehr im
Zeichnen als im Malen geübten Genies verraten
genuinen Beuroner Charakter. Weit mehr waren
die Meister der Frührenaisfance in Italien,
Giotto und Fiesole, und der deutschen Romantik,
vor allem Führich, in Auffassung, Komposition
und Zeichnung von Einfluß, ohne seine durch
und durch selbständige Individualität zu brechen.
Und gerade diese Freiheit und Selbständigkeit in
Beherrschung aller Kunstmittel der neueren
Malerei betont sein Biograph in erster Linie:
die Natur war ihm stets die beste Lehrmeisterin,
bei aller Empfänglichkeit des klösterlichen Kunst-
jüngers für die Einwirkungen der hervorragend-
sten Künstler und Kunstschulen. Keinen Freund
christlicher Kunst wird es gereuen, in dem prächtig
ausgestatteten, zu vornehmen Geschenkzwecken ge-
eigneten Buch des Einsiedler Kunsthistorikers
das Lebenswerk eines klösterlichen Künstlers
kennen und bewundern zu lernen.

Riedlingen. * A. Nägele.

Stuttaart, Buchdruclerei der Akt. Ges. „Deutsches Vvltsbtau".
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