Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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die durch Graf Melchior de Vogue
(1861—1862) augestellt und in einem
großen zweibändigen Werk (La Syrie
centrale. Architecture civile et re-
ligieuse 1866 - 1877) der wissenschaft-
lichen Welt zugänglich gemacht worden
waren, hatten überraschende Resultate zu-
tage gefördert.

Neuerdings '(1899 — 1900) haben nun
auch die Amerikaner eine archäologische
Expedition, nach Syrien ausgerüstet, deren
Forschuugsziel gleichfalls Zentralsyrien
und Djebel Hauran Z war. Ihre spe-
zielle Aufgabe suchte sie darin, die Orte,
welche de Vogue besucht hatte, nochmals
zu besuchen und die Messungen des fran-
zösischeu Forschers nachzuprüfen, gute
photographische Aufnahmen der Monu-
mente zu machen und die bisher noch
nicht erforschten Monumente und Terri-
torien gründlich zu durchsuchen.

Das Ergebnis war durchaus erfreulich,
wenn auch der Plan der Expedition nicht
in allen Teilen völlig durchgeführt wer-
den konnte. Es bot sich eine große An-
zahl von Monumenten der verschiedensten
Klassen dar, die zugleich eine kontinuier-
liche Entwicklung des Bauwesens durch
fünf Jahrhunderte hindurch darstellen.
Wichtig ist besonders die Auffindung von
bestimmt datierten Inschriften vom Ende
des ersten vorchristlichen bis zunt Beginn
des siebten nachchristlichen Jahrhunderts.
Dadurch kommt nun eine größere bisher
noch nicht erreichte Sicherheit in die Auf-
einanderfolge und Zusammenhänge der
Monumente. Die ersten Jahrhunderte
zeigen ein starkes Abweichen von römischen
Baneinflüsseu und lassen eine Kunstbe-
tätigung erkennen, deren Ursprung in
der hellenistischen Architektur
Antiochiens gesucht werden kann. Die
späteren Jahrhunderte zeigen eine Hin-
neigung -mehr zur griechischen, als zur
römischen Architektur. Butler, der die
architektonischen Ergebnisse der Expedition *)

*) Für den letzteren war man bisher neben
de Vogue angewiesen auf L. de Laborde,
Voyage de la Syrie (1857) und E. G. Rey,
Voyage dans le Haouran. 1860. — Die
Ergebnisse dieser neuen amerikanischen Expedition
sind (soweit sie Architektur betreffen) in einem
prachtvoll ausgestatteten Bande veröffentlicht von
K. C. B u t l e r, Architecture and other Arts.
New-York 1904.

in dem oben erwähnten glänzenden Werk
niedergelegt hat, nimmt an, daß es sich
in den Monumenten von Zentralsyrien um
eine provinziale Reproduktion der Archi-
tektur der syrischen Metropole (Antiochien)
handle für die ersten sechs Jahrhunderte.

Im Süden dagegen, d. h. im Hauran,
liegen die Dinge etwas anders. Eine
entsprechende Unabhängigkeit von römischen
Vorbildern läßt sich auch hier erkennen.
Orientalische Motive treten deutlicher her-
vor, die wahrscheinlich einer hauranischeu
Kunst zugehören, die vor der römischen
Okkupation dort heimisch war; eine ge-
wisse teilweise Unabhängigkeit auch von
griechischer Architektur Syriens (unter
den Seleuciden) ist hier zu konstatieren.
— Die späteren Bauweisen des Haurau
sind ganz eigenartig und zeigen weder
römische, noch griechische Einflüsse.

Es ist nicht zuviel gesagt, wenn der.
Herausgeber gelegentlich einmal bemerkt:
„Es gibt in der ganzen Welt keine Ge-
gend, in welcher die antiken Architektur-
monumeute in solcher Anzahl, in solcher
Vollkommenheit und in so reicher Man-
nigfaltigkeit erhalten wären, als im nörd-
lichen Zentralsyrien und im Hauran. Es
gibt manche Orte, wo die kleinen Details
der Gebäude, Wandmalereien und Mo-
saiken in einem besseren Zustand der
Erhaltung sind; aber es gibt keine Re-
gion , wo die Zahl der unzweifelhaft
alten Städte unbegraben dastehen, wo
ihre öffentlichen und privaten Gebäude
wie ihre Gräber in einer solchen Ver-
fassung sich befinden, daß sie in vielen
Fällen mit geringen Kosten im ursprüng-
lichen Zustand wieder hergestellt werden
könnten" A Der Grund dieser Erscheinung
liegt in der Verödung dieser Gegenden.
Die alten Gebäude wurden nicht so ge-
plündert wie das in anderen bevölkerten
Gegenden der Fall war, und sie sind zu-
dem ganz massiv gebaut.

Es sind drei architektonische Typen der
syrischen Baukunst zu unterscheiden: die
Gegend des nördlichen Zentralsyriens, die
von Hass und Shbet, und endlich die
Haurangegeud. Die Unterschiede dieser
drei Typen sind sehr bedeutend, sowohl
hinsichtlich der künstlerischen Idee, als der

') a. a O. L>. 12 f.
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