Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 86
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konstruktiven Prinzipien und der or-
namentalen Details.

1. Die Architektur des nördlichen Zen-
tralspriens erstreckt sich über einen Zeit-
raum von etwa 600 Jahren, beginnend
mit dein ersten Jahrhundert nach Christus,
und niacht in dieser Zeit einen stetig
voranschreitenden Prozeß durch, der im
siebten Jahrhundert seinen Höhepunkt er-
reicht. Butler ist der Ansicht, daß die
Elemente dieses Stils ihre Quelle zunächst
in einer gräkoromanischen Bauweise
haben, andere lassen sich nicht daraus
herleiten, sondern scheinerr ursprünglich
syrisch zu sein. Diese Eigentürnlichkeiten
sind vor allen: — gegenüber der klassischen
Bauart — gegeben in der Verwendung
ungeheurer Steinblöcke, wie das schon
beim Sonnentempel in Baalbek üblich
war. Ferner ist charakteristisch die An-
wendnrig großer Steinplatterr für Zwi-
scherrstockwerke und Dächer. Endlich sind
noch beachtenswert die Rundbogenans-
schnitte bei Türen und Fenstern, die so her-
gestellt sind, daß der Halbkreis aus einem
Monolith herausgeschnitten ist. — DieKi r-
ch e n des nördlichen Zentralsyriens ge-
hören weder dem römischen, noch dem
konstantinopolitanischen, noch dem per-
sischen Bautypus an. Butler verficht nun
den Gedanken: Die Bauweise dieser

syrischen Architektur ist einer Verbindung
zwischen dem griechischen rnid einem nicht
näher zu bezeichrienden orientalischen Stil
entsprungen. Nur die Einführung der
Bogen und Halbkuppel sei römischen Bau-
prinzipien entnommen.

Die wichtigsten Charakteristika dieser
nordsyrischen Bauweise sind die folgenden:
Die Mauern sind aufgeführt aus gro-
ßen rauh behauenen Steinen, die trocken
(ohne Mörtel) gelegt wurden. Die
Säulen waren monolith, die Kapitäle
mit Wülsten zu beiden Seiten. Bogen
(in dreifacher Form konstruiert) über den
Türen bilderr die Regel, über Fenstern
sind sie selten. Besonders häufige Ver-
wendung fanden sie in den inneren Ar-
kaden der Basiliken.

Seil den: dritte:: Jahrhundert ward
auch ein ganzes Dekorationssysten: ge-
schaffen, das der Bauweise eine eigen-
artige Prägung gibt. — Die dorische
Säulenordnung wird mit großer Freiheit

behandelt (monolith, aber mit Verjüngung
und Entasis), stets ohne Kannelierungen.
Das Kapitäl variiert zwischen einer treuen
Kopie des griechischen dorischen Kapitäls
und ganz freier Behandlung. Ebenso
finden sich Varianten des tuskischen, jo-
riischen und korülthischen Kapitäls. Eine
besondere syrische Kapitälform stellt sich
dar als eine logische Fortführung des
dorischen und tuskischen Kapitäls.

(Fortsetzung folgt.)

Die Kanzeln Toskanas aus dem
\2. und \5. Jahrhundert.

Kunstgeschichtliche Studie von I. Beßler.

(Fortsetzung.)

7. nild 8. Christus erscheint de::
Aposteln au: Ostertag. Der un-
gläubige Thomas. Diese Tafel ist an:
wenigsten gut gelungen. Es fällt uns die all-
zu große Einförmigkeit in Gruppierung tnid
Bewegung, sowie eine gewisse Flüchtigkeit
i:: Behandlung der Reliefs unangenehn:
auf. In: oberen Relief sehen wir Christus,
wie er die Apostel belehrt und ermahnt.
Die rechte Hand ist ausgestreckl (lehrende
Gebärde). Es ist also wohl tlicht der
Augenblick dargestellt, wo Jesus den er-
schrockenen Aposteln erscheint, sonder:: wo
er nach der Erscheinung ihnen Gewalten
überträgt. Auffallend ist die Tatsache,
daß, obwohl Thomas fehlt, doch elf
Apostel dargestellt sind. Auf der rechten
Seite drei Apostel in geneigter Stellung,
über ihnen noch zwei Köpfe von zwei
anderen, links vier in ganz gleichförmiger
aufrechter Haltung und über ihnen zwei
Köpfe von den zwei letzten Aposteln.

Auch unten sehen wir wieder 11 Apostel;
hier ist die Zahl richtig, weil Thomas
hinzugekommen ist. Die Mittelgruppe, wo
der Herr den: ins Knie fallenden, aller-
dings nierkwürdig kleinen Thomas die
Seitenwnnde zur Berührung darreicht, ist
recht lebendig. Unschön ist nur der lauge
nackte rechte Arm Christi. Dagegen das
liebevolle Sichhinneigen Jesu zu Thomas
ist recht gut ausgedrückl.

Wollen wir ein Gesamturteil über diese
Kanzel abgeben, so dürfen wir wohl mit
Schmarsow als Vorzüge derselben die
wohlabgewogene Klarheit der Komposi-
tion und die entsprechende Wahl der
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