Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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Figurengröße, eine gewisse Kraft einzelner
Szenen und Figuren hervorheben, oder
mit Burkhardt die bessere Anordnung und
saubere Durcharbeitung der ornamen-
talen Teile wie der fast zierlichen Figuren
anerkennen. Diesen Vorzügen stehen aber
entschieden Mängel gegenüber. Wir ver-
missen die Darstellung der heftigeren
Leidenschaften uitb stärkeren Empfindungen,
die Abwechslung im Gesichtsausdruck und
in den Gebärden unb in der Gewandung;
die Belebung der Gestalten und die Be-
obachtung der Natur. Lübke (p. 445)
nennt die Reliefs ohne Frische in hand-
werklich glatter Weise gearbeitet und be-
trachtet diese Kanzel als ein Beispiel
dafür, wie lange der streng romanische
Stil an manchen Orten sich hielt. Der
Meister ist wohl ein guter Marmorar-
beiter. Doch dürfen wir nicht vergessen,
daß das ganze Werk einst bemalt war,
wie einzelne Spuren noch beweisen (so
an der Taube des Hl. Geistes und am
Adler Spuren der Vergoloung), und da-
durch viel besser auf den Zuschauer wirkte
wie heutzutage (vgl. Schmarsow S. 70).

II. Gotische Kanzelt: Toskanas.

I. Die K anz e l d e s R i cc ol o P i s a n o
i in Vattistero z n Pisa.

Wir wenden uns nach dem altberühmten
Pisa, der ehemaligen gewaltigen Rivalin
von Florenz, mit seinem Battistero. Die
herrliche Kanzel, die dort steht, verkündet
nun schon seit sechs Jahrhnnderten den
Ruhm ihres Meisters, des Riccolo Pi-
sano. Wir stehen vor einer herrlichen
Schöpfung, welche die eben besprochene
Kanzel Guidos da Como sehr weit hinter
sich läßt. Ja, wenn man diese beiden
Kanzeln, wie wir, unulittelbar nach ein-
ander betrachtet, dann erst erkennt man,
welch hervorragender Künstler dieser Ric-
colo Pisano gewesen. Die zeitliche Dif-
ferenz zwischen beiden Werken beträgt
nur 10 Jahre; aber welch gewaltiger
Fortschritt gibt sich in der Kanzel Pisanos
kund gegenüber der des Guido. Es ist
in der Tat ein Riesenschritt, wie mit
Recht Kuhn in seiner Geschichte der
Plastik (S. 486) sagt, den Riccolo hier
getan hat, ein Schritt freilich, der schon
vorbereitet 'worden ist durch die Arbeiten
der toskanischen Meister vor Riccolo, de-

ren Kanzeln wir im Vorhergehenden be-
sprochen haben. Es ist nicht daran zu
denken, wie man früher fast allgemein
annahm, daß Riccolo seinen Stil von
Süditalien gebracht habe. Die Heirnat
des neuen Stils, die geistige Quelle des
Meisters Riccolo ist nicht in Süditalien,
nicht in Apulien zu suchen, selbst wenn
sein Vater Piero aus Apulien stammen
sollte; höchstens der Sinn für saubere
Durcharbeitung, vollendetere Anordnung
und reichere Jdeenverbindung kann dem
süditalienischen Einfluß zngeschrieben wer-
den. Riccolos Stil ist vielmehr nach
Inhalt und Form schon vorgebildet in
seinen toskanischen Vorläufern, welche
allerdings von ihm weit überflügelt wer-
den. Es ist ein so großer Fortschritt,
daß man voll Erstaunen und Bewunde-
rung vor einer solchen Künstlerpersönlich-
keit steht. Und sein Einfluß ist so nach-
haltig und eindringlich, daß er der Skulp-
tur eine ganz neue Stellung gibt. „Sein
Stil ist eine verfrühte und deshalb bald
wieder erloschene Renaissance" (Burkhardt,
Cicerone, S. 383). „Unter seinen Lands-
leuten," sagt Lübke in der Geschichte der
Plastik S. 447, „steht er einsanr da als
ein Großer und verwirklicht in seinen
Welken das, wonach die besten gleich-
zeitigen Italiener nur dunkel zu streben
vermochten." Ueber sein Raturstu-
dium ist von Möller gehandelt worden.

Ueber die L e b e n s s ch i ck s a l e Riccolos
wissen wir nicht viel Verlässiges. Was
Vasari erzählt, sind Legenden und Dich-
tungen. Er ist wahrscheinlich zwischen
1205 und 1207 in Pisa geboren als
Sohn des Ser Pietro von Siena, eines
Notars, dessen Vater von Pisa war. (So
Lübke.) Nach Kuhn war der Vater Stein-
! uietz, und es wird auch behauptet, daß
er von Apulien nach Pisa gekommen sei.
Das Todesjahr ist wahrscheinlich 1280.

Fragen wir nach denr Grund des
großen Fortschritts, den Riccolo gegenüber
seinen Vorgängern getan, so finden wir
ihn wohl in dem Studium der Antike.
Das fällt uns am Stile Riccolos am
meisten auf, daß er sich oft ganz getreu
an antike Vorbilder anlehnt. An antiken
Sarkophagen, die wir heute noch im Kampo-
santo in Pisa stehen sehen, begeisterte sich
hier sein Sinn für die gestorbene Formen-
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