Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 88
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schönheit der Alten und er hauchte ihr
ein neues Leben ein.

Durch das Studium der Antike wurde
in Niccolo ein guter Natur sinn ge- !
weckte der sich namentlich in der Zeich- >
nung der Tiere offenbart* 1). Allerdings
hatte diese Anlehnung an die Antike, ge- !
nauer an die Kunst der Verfallzeit, der >
spätrömischen Plastik, auch Nachteile int |
Gefolge, welche sich in seinen Werken >
zeigen. Die Kompositionen ftitb überfüllt, j
die Gestalten wohl edel und ernst, aber!
es fehlt ihnen das religiöse Gepräge.
Die Falten der Gewänder fallen meistens
wie bei seinen antiken Vorbildern parallel.

eine in ihrer Art vollendete Gestalt und
ganz neue Belebung zu geben. So hat
Niccolo seinen Nachfolgern und Schülern
die neue Bahn gezeigt, einen neuen Weg
eröffnet, den dann wirklich auch die
Plastik, nachdem sie das antike Gewand
Niccolos abgestreift hatte, geläutert ein-
schlug.

Die beste Illustration zu dem bis jetzt
über den Stil Niccolos Gesagten bietet
dessen berühmtes Meisterwerk, die Kanzel
im Battistero zu Pisa, die im Jahre 1260
vollendet wurde. Das erfahren wir von
der Inschrift, die unten *aiit Reliefbild
steht:

Niccolo Pisano, Kanzelrelief zu Pisa 1260.

(Aus Kehrer, Die hl. drei Könige in Sit. und Kunst II (1909) 72.
Mit gütiger Erlaubnis des Verlags von E. A. Seemann, Leipzig.)

Doch treten diese Schattellseiten weit
zurück hinter den Lichtseiten der Kunst
Niccolos. Er versteht es, mit feinem
Takt aus den antiken Vorbildern heraus
seine heiligen Geschichten zu einem leben-
digen Ganzen zusammenzukomponieren,
und den alten kirchlichen Darstellungen
der Geheilnnisse des Lebens Jesu, wie
wir sie an den früheren Kalizelil sehen,
durch die Art ihrer Zusannnenstellnug

0 Vgl. A. Möller, Das Naturgefühl bei
Niccolo Pisano. Repertor. f. Kunstwifs. 28 (1905)

1 ff.; — Dobbert, lieber den Stil Niccolo
Pisanos, und dessen Ursprung. München. 1903.

Anno milleno bis centum bisque

triceno

Hoc opus insigne sculpsit Nicola

Pis an us.

Laudetur digne tarn bene docta

manus!

Die Kanzel ist ein freisteheilder Bau,
der sich aus dem Sechseck entwickelt und
von einer mittleren und sechs Ecksäulen
getragen wird. Drei der sechs Ecksäulen
stehen ans schreitenden Löwen; die mitt-
lere längere ruht auf einer hohen Basis,
die umgebell ist von einem sitzenden
Löwen, zwischen beffen Tatzen ein Ochsen-
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