Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 92
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lerische Erziehung, ästhetische Bildung bei der
Jugend der Gegenwart pflegen. Dem modernen
Kunstschaffen wie der alten Kunstgeschichte nahe-
stehend, mit den Fragen der Kunsterziehung wie
den neuesten kunsthistorischen Forschungsergeb-
nissen in gleichem Maße vertraut, will der Autor
einen sicheren Führer durch die oft verworrenen
„Wege der Kunst" vor allem jenen mitgeben,
die nicht Zeit und Gelegenheit zu weiten Kunst-
reisen und langwierigen Kunststudien haben.
„Die Wege der Kunst sind verworren. Sie wer-
den nur gangbar, wenn man die Kunst nicht als
Ding für sich, sondern in ihren geistigen Zusam-
menhängen mit den übrigen Kämpfen und Er-
rungenschaften menschlichen Ringens betrachtet—"
Darum werden die kulturgeschichtlichen Zusammen-
hänge und die technischen Begleiterscheinungen in
kurzen Abschnitten, Sätzen und Schlagworten all-
gemein verständlich erläutert unter Vermeidung
alles ermüdenden Ballastes. Die orientalische
Kunst (Aegypten, Babylonien, Assyrien, Meder,
Perser), die Kunst der Griechen und Römer, von
der mykenischen Zeit bis zur Völkerwanderung;
der Inder, Chinesen und Japaner, des Islam,
altchristliche Kunst, karolingischer, romanischer,
gotischer Stil, Renaissance, Barock, Rokoko, Louis
Seize, Empire-Stil, das 19. Jahrhundert mit
seinen Hauptrichtungen werdeir in raschem Gang
vorgeführt, mit reicher Illustration, deren Aus-
wahl meist glücklich gelungen erscheiirt und von
der Rücksicht auf österreichische Kunstdenkmäler
mitbestimmt ist. Freilich ist nicht recht einzu-
sehen, ivarum neben dein zahlreichen antiken
Jlluftrationsmaterial, selbst der archaische Apollo
voir Tenea und Venus von Milo ist nicht ver-
gessen, der Abschnitt über altchristliche Kunst,
Islam und Karolingerzeit außer der Basilika
8. Paolo fuori le mure jeder Abbildung ent-
behrt, desgleicheir Assyrien und Babylonien, und
noch mehr ist zu beklagen, laß der romanische
Stil durch das kleine Bild mit einer eiirzigen
Arkade der Michaeliskirche in Hildesheim so gut
wie gar nicht bildlich charakterisiert ist. Unserem
badischen „Luckenbach", dem nicht genug zu
schätzenden Schulbildwerk „Kunst und Geschichte"
(4. Auflage, 1910, M. 2.69, 349 Abbildungen),
kommt der dtlrchaus empfehlenswerte österreichische
Führer auf den „Wegen der Kunst" nahe, nach
der textlichen Seite mehr, der bildlichen weniger,
jener mag von andern erreicht sein, übertroffen
ist er bislang nicht.

Dr. Nägele, Oberpräzeptor, Riedlingen.

Julius Schnorr von Carolsfeld von
Haus Wolfgang Singer. Mit 109
Abbildungen nach Gemälden und Zeich-
nungen, darunter sechs farbige Kunstbeilngen.
1911. Verlag von Velhagen u. Klasing.

Wie paßt ein Schnorr Carolsfeld, ein An-
hänger der Nazarener, in unsere Zeit des Plein-
airismus, Impressionismus, Pointillismus,
Primitivismus und Futurismus! Eben diese
Richtungen, die vielfach ins Extrem gehen, bieten
künstlerisch dem unbefangen Genießenden oft einen
etwas starken Tabak, der meist in leeren Rarich

aufgeht, und zwar iir keinen wohlriechenden. Da
tut ein Blick in die Landschaft von Olevano,
Civitella, Frascati oder ein Blick auf die Hel-
dengestalten der Nibelungen und der biblischen
Patriarchenzeit dem Auge wieder wohl. Es
bricht sich ja auch die Ueberzeugting wieder mehr
und mehr Bahn, daß „die vielverrufenen Naza-
rener doch nicht so wirklichkeitsabgewandt wa-
ren, als man dies gemeinhin anzunehmen ge-
wohnt ist" (Ferd. Laban in „Aufsätze über Leben,
Kunst und Dichtung". Grote, Berlin 1611; ähn-
liches Urteil von Pros. Dr. Finke in Nr. 6 des
„Archivs", S. 56). — Schnorr stand in seinen
künstlerischen Anschauungen Cornelius sehr nahe,
wie dies feine Wandbilder in den Gemächern
der Kgl. Residenz zu München mit ihren Stoffen
aus der Nibelungensage besonders zeigen; eine
seiner künstlerischen Großtaten!

Interessant und gar nicht „wirklichkeitsabge-
wandt" ist die reiche Serie von Zeichnungen aus
seiner italienischen Jugendzeit. Hier mag das
Urteil von E. Osborn über Schnorr besonders
zutreffen: „ein Mann von hohem Schwung und
packender Kraft, verlieh er doch seinen Werken
das Gepräge gediegenen Ernstes und ehrlicher
Wahrheit."

Am populärsten ist seine Bibel in Bildern;
sie hat etivas Derb-Kräftiges. In die katholische
Bilderbibel (Verlag Herlet, Berlin), die in viele
Pfarrhäuser und Schulen Eingang gefunden, sind
236 Nummern arifgenommen. Wer sich für den
edlen Meister dieser Bilder näher interessiert,
dem sei die angezeigte schön ausgestattete Mono-
graphie bestens empfohlen.

H e i d e n h e i m. E h r h a r t.

Glaube und Kunst. Religiöse Meister-
bilder, heratisgegebeu unter Mitwirkung
von geistlichen Würdenträgern und Kate-
cheten von P)r. Ulrich Schmid mit
Erläuterungen von Prälat Universitäts-
professor Dr. Iheol. et pUil. Heinrich
Srvoboda, Wien. 1912.

Dieses neue Unternehmen hat es sich zum
Ziele gesetzt, ein künstlerisch und pädagogisch
gutes Anschauungs- und Bildungsmaterial für
Schule und Haus zu bieten. Aus Anlaß
und zur Erinnerung an den XXIII. Eucharisti-
schen Kongreß in Wien wurde die neue Samm-
lung eingeleitet mit einer prachtvollen farbigen
Reproduktion der weltberühmten Disputü Raf-
faels. Professor Swoboda schrieb dazu eine
faßliche Einführung. Als weitere Stücke sind
für diese neue Sammlung vo>gesehen: jßrancm,
Steinigung des hl. Stephanus, Raffael, Trans-
figuratio und Sposaligio; Boticelli, Magnifikat;
Fra Bartolonieo, Darstellung Jesu im Tempel
und Grablegung; ferner Bilder von Fra Ange-
lico, Caracci, Murillo, Albertinelli, Mantegna,
Dürer, Sassoferrato, Fugel u. a. Das neue
Unternehmen verdient die wärmste Unterstützung
und angelegentlichste Empfehlung. Der Preis
ist außerordentlich niedrig gehalten.

Tübingen. Prof. Dr. L. B a u r.

Stuüsnrt. Bucddruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Velksblntt".
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