Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 95
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drei zu Dar Kita erhalteneu Kirchen. Auch
hier herrscht das Verhältnis von 4: 3,
insofern die Kirche 36 auf 27 Schuh
(cut>ito) mißt. Entgegen der Apsis von
Babiska ist hier die Apsis ebenso kon-
struiert wie in Ksedjbeh, nämlich so, daß
die Apsidenrnndung durch eine Prothesis
und Diakonikon verbindende Wand ver-
deckt ist. Die Kirche hat zwei Eingänge an
der südlichen Langmauer. Merkwürdig
ist, daß über den Portalen geradlinig
geschlossene, in der Langhansmaner selbst
im Rundbogen geschlossene Fenster ange-
bracht sind. Die Ornamentik, die Säulen
gleichen denen der zwei vorgenannten
Kirchen (S ä u l e n h ö h e: Babiska 3,80 m;
Dur Kita 3,25 m). Architekt war Kyros,
der mit dem vorhin genannten Markianos
Kyris wohl indentisch sein dürfte.

Weitaus die größte Kirche dieser nord-
syrischen Gruppe ist die von Kasr-il-
Benat, eine Klosterkirche. Der Plan ist
ganz derselbe wie bei der Paulus- und
Moseskirche in Dur Kita und weist auch
dieselben Proportionen auf. Sieben Säu-
len stehen cutf jeder Seite mit einem
Jnterkolnmnienabstand von 3,63 m.
Architekt der Kirche ist nach einer (grie-
chischen) Inschrift Kyris, offenbar, iuie
Prentice vermutet, identisch mit bem oben-
genannten Erbauer der Ostkirche von
Babiska und vielleicht auch identisch mit
dem Kyros, welcher die Paulus- und
Moseskirche erbaute. (Forts, folgt.)

Die Kanzeln Toskanas aus dem
\2. und (5. Jahrhundert.

Kunstgeschichtliche Studie non I. Veßler.

(Fortsetzung.)

4. Jesus arn Kre nz.

Dieses Bild ist sehr gut erhalten. Im
Mittelpunkt steht das Kreuz mit seiner
teuren Last. Die Christ ns signr ist etwas
stark ansgebogen, die Füße sind übereilt-
ander gekreirzt und mit einem Nagel
durchbohrt. Der Körper des Heilands
läßt nichts ahnen von den vielen Leiden.
Niccolos Sohri Giovanni ist viel realisti-
scher ari der Kalizel von St. Andrea zu
Pistoia. Unten am Krenz stehen die
Guten, die Gläitbigen, und die Bösen
und Ungläubigen, diese ans der linken,
jene ans der rechten Seite des Kreuzes,

von diesein aus gesehen. Maria, die
Mutter Jesu, einer Ohnliracht nahe, fällt
um ulld wird voll zwei Frauen anfge-
fangen. Diese Darstellung ist unserenl
Meister aber llicht gelungen. Johannes
und die srommen Frauen schauen weinend
zum sterbenden Meister empor. Ans der
linken Seite stehen die Gottlosen, welche
den Heiland verspotten und verhöhlien.
Die vorderste Figur ballt die Faust gegeli
den Gekreuzigten. Rechts und lillks von
dem Gekrenziglen sehen wir oben zwei
Engel (auf der linken nur einen, der eine
weibliche (?) Figur forttreibt). Der erste
Engel auf der Rechten bringt eine Art
Gefäß und ein Zepter herbei; vielleicht
solleli es die Leidenswerkzenge fein ? lieber
dem Querbalken sind zivei kleine Engel,
ivelrhe voll Entsetzeli und Mitleid in
das Antlitz ihres sterbenden Herrn schallen.
Das Kreuz steht auf einem Erdhügel, aus
dem ein Totenkopf heransschant.

Das Drama von Golgatha ist von
Niccolos kundiger Hand hier ergreifend
lind lebensvoll iviedergegeben. Der Stein
fängt an zil reden und alls Herz zu greisen,
iveil ihlil von des Künstlers großer Seele
lind kluger Meisterhand Leben eingehaneht
worden.

Doch Niccolo hat sich itodj an Größe-
res gewagt, an eine Darstellung, lvelche
höchst dramatische Kraft uird Kunst erfor-
dert, an das Weltgericht.

5. Das Weltgericht.

Leider ist dieses Relief sehr stark be-
schädigt, vielfach verstümmelt. Jnr Mittel-
pnilkt der Handlung aber, nicht ganz in
der Dritte des Feldes, thront der richtende
Christus. Sein Thron ist umgeben von
deil apokalyptischen Tieren, ivas hier zum
erftenmat der Fall ist. Der Richter schallt
hinaus in das Weite und hält den rechten
Arm gegen die Gerechtell hin ausgestreckt.
Diese thronen in Reihen ziemlich sym-
metrisch übereinander; in der obersten
Reihe die Apostel, deren Zwölfzahl aber
liicht eiligehalten ist. Ganz oben über
den Reihen der Seligeil rechts uub links
ein großer Engel. Alis der linken Seite
befinden sich die Verdammten; sie bilden
einen belebten, aber wirreil Knäuel. In
der Ecke lauert der grinsende Teufel, der,
wie Bnrkhardt meint, einer antiken komi-
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