Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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sehnliche Gruppe, wie sie sonst ans feinem
der 15 Monumente sich findet. Links
und rechts von dem lebensvollen Kruzifix
knien Ritter imb Edelfrnn, der Mann ans
einem Löwen, die Frau auf einem Kissen,
beide in betender Stellung, der Ritter
mit stark zurückgeneigtem Kopf, die Frau
mit Haube und Halskrause. Diese tragt
einen Rosenkranz, am Gürtel wohl be-
festigt; der Ritter hat den offenen
Helm zu Füßen.

Nirgends ist eine Spur von In-
schriften zu entdecken. Eine Spethsche
Familiengeschichte, die Aufschluß geben
könnte, existiert leider nicht; von einem
Mortuar habe ich bis jetzt nichts er-
fahren können. Daß das Ehepaar-
Ende des 16. oder Anfang oder
Mitte des 17. Jahrhunderts gestorben ist
und der freiherrlichen Familie derer vori
Speth angehört, muß als ausgemacht
gelten. Da auch das Ritterehepaar ans
dern Erbärmdeepitaph gegenüber nicht in-
schriftlich genannt und bekannt ist, so
dürfte das eine von beiden eine Gene-
ration vor oder riach dem andern ver-
schieden sein. Der späteren Generation
dürfte dann eher das Epitaph mit dem
Kruzifix zugeschriebeu werden. Nähere
chronologische Anhaltspunkte für das an-
dere Denkmal gibt das Steinmetzzeichen ant
Ende eines Schriftbandes. Für das erste
ulag einen Fingerzeig die Bemerkung Gabel-
kovers geben, der außerhalb des Chors
ein hohes Epitaph mit dem „Bildnus"
Ulrich Speths vou und zu Zwiefalten
(ch 1549) und seiner Gattin Ursula, geb.
von Uttenheiut zu Ranlstein (ff 8. Sep-
tember 1586), sowie vou Ursulas zweiteut
Gatten, Wilhelm von Stotzingen (ch vor
26. März 1576), sah. Es könnte also
das hinterste Grabmal Ulrich und Ursula
von Speth oder Ursula und Wilhelnt von
Stotzitlgen darstelleti.

Die beiden anderen sind durch die
Etttdecknng eines Steintnetzzeichens,
das bis jetzt bem Auge aller Forscher
und Jnventarverfasser, Schloßherren und
Pfarrherren entgangen ist, und durch seine
nach langem Suchen mir gelungene
Identifizierung annähernd wenigstens zu
datieren, und zwar nacf) der Mehrzahl
der anderen chronologisch sicheren Werke
des Künstlers in die letzten Jahrzehnte

des 16. Jahrhunderts zu neriegen, höch-
stens die erste Dekade des 17. Jahr-
hunderts. Deshalb ist die kategorische
Datierung: 17. Jahrhundert, in den

kirchlichen nnb staatlichen Registerwerken
nicht ganz sachgemäß. Die erste chrono-
logische Handhabe ist das Zeichen des
Ulmer Bildhauers Haus Schalter,
der 1566— 1610 blühte. Sicher datierte
Werke von ihm stammen aus den Jahren
1576— 1607, wenigstens nach der Jahres-
zahl der Todesfälle, die er in Stein ver-
ewigt hat: 1576, t 579, 1581, 1582,1584,
1586, 1589, 1590, 1591, 1592, 1597,
1598, 1599, 1600, 1601, 1607. Wenn
die Angabe der neuen Oberamtsbeschreibung
von Ehingen Z richtig ist, stammt das
älteste nachweisbare Werk Hans Schallers
ans dein Jahre 1550, ein Grabstein der
Kreszentia von Schellenberg, geb. von

Stotzingen in Rißtissen.

Das eine Grabmal, edle Renaissance-
arbeit mit bem Monogramm H. S.,
zieht durch seine Höhe, seinen A-ujbau,
seine Darstellung, seine Wappen und In-
schriften gleich beim Eintritt in die

Kirche als letztes auf der rechten Seite
des Schiffs die Augen auf sich: eine
Bogennische von 1,85 in Höhe und
1,27 m Breile, darin ein figurenreiches
Relief, breite (15 am) Pilaster mit zahl-
reicher! Wappen auf den Flanken; hat
Balken mit drei Sternen belegt (vgl.
Alberti I, S. 463?); ein doppelter Auf-
satz darüber, das garize Werk mit dern
unansehnlichen, durch Bänke verdeckten,

jetzt irrschriftlosen Sockel hat eine Höhe
von 3,35 in.

Das garize große Epitaph eines Herrn
und einer Frau von Speth krönt eine

sieberrzeilige Jus chriftt afel, vori zwei
reizenden Eugelcherr gehalteu miD vori zwei
Voluten zur Seite und einer Kartusche
mit Akroterion auf der Spitze architek-
tonisch trefflich eingerahrnt:

„Für todes gwalt hülfft nichts auff,erden
Durch in wir zletst errvirget werderi.
Solches betracht o Merrschenkind
Steh ab bei) Zeit von Deiner sünd
Thu büß rnit errist auß Hertze grüud
Rühst dich also zrir leisten stund —

Das dein seel leb Ewig gesund."

0 1895, S. 204.
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