Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

Seite: 108
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falteten Hände. Der Kontrast zwischen
beiden Gestalten ist leicht ersichtlich. Beide,
im Tode getrennt, nach dein Tode ver-
eint, durch den Sieger über den Tod
verbunden, sind im Profil dargestellt, das
Antlitz zum Heiland hin gegeneinander
gerichtet.

Christus en face abgebildet, richtet
fein im Tode brechendes oder gebro-
chenes Auge mehr auf den Ritter.
Das Lendentnch ist in reichen Falten und
Windungen gebogen; Strahlenninibus,
Haupthaar und Dornenkrone sind mit
größter Sorgfalt behandelt. Die ganze
Christusgestalt mißt 1,25 m in der
Höbe, auch durch Hochreliefbildnng zum
beherrschenden Mittelpunkt der figuren-
reichen Gstrppe gemacht.

Was ist die Grundidee dieses wahr-
haft nionnmentalen, fast 3 ‘/a m hohen
Grabdenkmals? Ist es das Geheimnis der
allerheiligsten D r e i f a l t i g k e i t, das durch
die nahe Verbindung aller drei göttlichen
Personen im engen Raum des Reliefs
vom Künstler dargestellt werden wollte,
wie auch der Schluß der dritten Inschrift
andeutet, oder ist es der Erlösnngs-
gedanke, der in der Darstellung des Ge-
kreuzigten, des am Kreuze stehenden oder
vom Kreuz herabgenommenen Siegers
über Tod und Hölle in der Mitabbildnng
der vielen Leideuswerkzeuge, in der mas-
sigen breiten Andeutung des Krenzes-
stammes, dessen Längsbalken auch unten
am Originalwerk deutlich zu sehen ist,
neben bem trinitarischen zum Ausdruck
kommen sollte? Oder ist unser Meister-
relief eines jener sog. Erbärmdebil-
der oder Miserikordienbilder? Ein
P a s si o n s b i l d ist es jedenfalls, aber kein
historisches, vielmehr gehört die Darstel-
lung zu jenen aus der Andacht einzelner
oder des Volkes hervorgegangenen Bildern,
wie sie besonders zahlreich die liebe-
volle Betrachtung des Leidens und
Sterbens Christi hervorgerusen hat; die
Schriften der Mystiker und die Volks-
schauspiele haben viel zur Ausgestaltung
dieser Darstellung beigetragen und sie
bald zu einem der beliebtesten Passions-
bilder genracht. Das geht ans bem weiten
Verbreitungsgebiet hervor, ans dem wir
diesen eigenartigen sog. Erbürmdebildern
begegnen ; als Krönung von Schnitzaltären,

als Abschluß von Gewölben, als Statue
auf Kanzeldeckeln, als Fresko an Wand-
verzierungen, als Holzschnittbildchen, und
was noch anl feltenften gefunden oder
wenigstens gestlcht und beachtet wurde,
als Relief onf Grabdenkmälern.

Das Miserikordienbild vergegen-
wärtigt uns Christus als „Mann der
Schmerzen". Form mtb Gedanke schließen
sich bem „Ecce Homo" an, aber die Bil-
der Ntiserer Gattung führen über diese ge-
schichtliche Szetie hitiaus. Die früher da utid
dort tioch heute anzntreffende Benennung
unserer Bilder als „Ecee Homo" be-
ruht ans einem Irrtum; sie sind weit
mehr als ein Ansschnitt ans der Szene
vor bem Praetorium Pilati. Sie stellen
den leidenden Erlöser im tiefsten Elend
dar: bedeckt mit allen Wunden, auch deu
durch die Kreuzigntlg beigebrachten Wund-
malen, manchmal sitzend wie auf Alb-
recht Dürers Titelblatt der kleineu
Passion, das dornengekrönte Haupt ge-
stützt auf die Rechte und das Knie. Oester
steht Christus vor den: Kreuz oder auf
demselben, oder wie anf unserem Grab-
mal an demselben. Die Hände halten
bisweilen Leidenswerkzeuge, Geißel und
Rute, die auf dem Schallerscheu Epitaph
Engel tragen, oder sie sind über der Brust
gekreuzt, wie bei Marlin Schougauer,
der den Dulder von Maria und Johannes
stützen läßt. Zu deu frühesten sind jene
Darstellungen des vir dolorum zu rech-
nen, die den Heiland in halber Figur
im Grabe stehen lassen, die Hände über-
einander gelegt. Mit Engeln und Heiligen
umgibt den ans dem Grab mit dem
Oberkörper hervorragenden Erlöser Luc ca
d e l l a R o b b i a. In den sog. Gregorius-
niessen, am Ende des Mittelalters sehr be-
liebten Holzschnittbildern, steht Christus
ähnlich am Kreuz; er drückt aus seiner
Seitenwnnde das Blut in einen Kelch auf
dem Altar; rings um deu Altar sind die
Waffen Christi, d. h. die Leideuswerkzeuge,
angebracht. Unten steht Papst Gregor 1.,
nach dessen angeblicher Vision die Gre-
goriusmessen, später von Päpsten ver-
boten, in Schwung kamen. Im 14. Jahr-
hundert scheinen die Erbärmdebilöer auf-
gekommen zu sein, im 15. und 16. Jahr-
hundert haben sie ihre weiteste Verbreitung
gefunden.
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