Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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In diesen Kreis gehört unser Zwiefalten-
dorfer Epitaph; jedoch hat der Künstler
das Miserikordienbild durch die Verbin-
dung mit der Dreifaltigkeitsdarstelluug
ergänzt und erweitert, so daß es fast eher
dem „Gnadenstuhl" als den alten „Er-
bärmden" nahekommt und mit gleichem
Recht als Trinitätsabbildung angesehen
werden könnte. Jedenfalls hat der Ulmer
Meister mit seiner Neuerung das ver-
mieden, was der verewigte Detzelch mit
Recht an dem Dnrerschen Miserikordien-
bild tadelt: die unästhetische äußere Er-
scheinung und die zu weitgehende Ver-
menschlichung des Schmerzensulannes.

Auf zwei Erbärmdebilder, die als Relief
schwäbische Epitaphien schmücken, sei hier
aufmerksam gemacht; beide befinden sich
in der evangelischen Stadtpfarrkirche in
Crailsheim; beide stammen aus i der
Spätgotik; auf dem einen vom Jahr 1513
steht Christus als „Mann der Wunden"
zwischen Maria und Johannes; darunter
knien ein Ritter und eine Edelfrau, den
Rosenkranz in der Hand; auf dem an-
deren sehen wir Christus auf dem Kreuz
sitzen, das Haupt mit der Linken stützend;
letzteres Epitaph stammt aus dem Jahr
1532. Eme dritte Darstellung desselben
Motivs begegnet uns an denr niedlichen
Sakramentshäuschen; von dessen reichem
statuarischen Schmuck ist unter dem we-
nigen noch der Schmerzensmann als
Statuette erhalten. An Schlußsteinen
findet sich dieser Typus z. B. in Mark-
gröningen in der Sakristei der evange-
lischen Stadtkirche, in Münchingen, OA.
Leonberg, in Nufringen und Oberndorf,
OA. Herrenberg u, a. In Rexingen,
OA. Horb, ist ein Ciborium, in dessen
Fuß sechs Emailbilder, darunter die „Er-
bärmde" zu sehen sind. Anr Wandtaber-
nakel in der evangelischen Kirche zu Gam-
riresfeld, OA. Gerabronn, findet sich das
Erbärmdebild als Statue. Der Ulmer Maler
Jakob Acker hat ans einer 1484 gemal-
ten Predella in der St. Leonhardskapelle in
R i ß t i s s e n ans der Rückseite das Miseri-
kordienbild zwischen Johannes und Maria
allgebracht, lieber dem Taufstein in M u n-
derkingen befand sich eine Kopie des
Klagenfurter Erbärmdebilds. (Forts, f.)

’) Ikonographie I, S. 453 f.

Die Kanzeln Toskanas aus dem
\2. und (5. Jahrhundert.

Kunstgeschichtliche Studie von I. Beßler.

(Fortsetzung.)

1. Relief: Geburt Christi. —

Maria, wie eine Inno hingelagert, schaut
auf beit Beschauer herab; neben ihr das
eingewickelte Kind, dabei Ochs und Esel;
darüber eng zusammengekanert fünf Engel,
welche den Hirten die frohe Botschaft ver-
künden. Die Geburtsszene bildet den
Mittelpunkt dieses Reliefs. In der linken
Ecke ist die Heimsuchung Mariä darge-
stellt in den beiden Figuren der hl. Elisa-
beth und der allerseligsten Jnngfran, von
denen die erstere wegen ihres charakte-
ristischen Kopfes besondere Erwähnung
verdient.

Zu ihren Füßen sitzt ganz unten in der
Ecke St. Joseph, bescheiden; neben ihm
zwei dienende Frauen, welche das Kind
baden. Rechts im Eck sehen wir sechs
Schafe, von denen eines mit merkwürdiger
Verkrümmung zu Maria anfschant. Es
ist ans diesem Relief eine gewisse Ueber-
fülle von Figuren und Handlungen, welche
das Hanptmoment etwas beeiilträchtigen.

2. Relief: Zug und Anbetung
der drei Königes. — Das Relief
zerfällt in zwei Teile: 1. Zug der drei
Könige, 2. Anbetung des göttlichen Kindes
durch die drei Weisen. Die Heimat der
drei Könige ist durch einen kleinen Tem-
pel und Bäume angedentet. Durch die
Wüste ziehen sie, begleitet von einer fürst-
lichen Eskorte, hin zum Erlöser. Den
Zug eröffnen Sklaven, welche Kantete
von auffallender kleiner Gestalt führen.
Diese Tiere tragen die für den neuen
König der Inden bestimmten Geschenke.
Es folgen die drei Könige auf edlen
Rossen, unter deren Füßen Windhmtde
springen. Alle drei Fürsten tragen eine
Krone, sind aber int Alter verschieden,
wie der Gesichtsausdrnck der einzelnen
zeigt: der erste König ist ziemlich bejahrt,
der zweite steht in mittleren Jahren, der
dritte ist noch jung. Diese Altersver-
schiedenheit der drei Magier finden ii>ir

x) Zur ikonographischen Bedeutung der Szene
vrgl. das wiederholt genannte Werk von H.
Kehrer, Die hl. drei Könige in Literatur und
Kunst. Leipzig 1909.
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