Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 30.1912

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fast immer und überall dargestellt. Ihr
Gewand und der Aufputz der Pferde ist
mit Spitzen geschmückt. Sie tragen eine
Tunika, darüber einen Mantel, welcher
durch eine Spange über der Brust und
der Schulter znsammengehalten wird. End-
lich sind sie am Ziel ihrer großen Reise
angelangt. Der Stern, angedeutet durch
eine kreuzartige Blume, welche der Engel
in der Hand trägt, bleibt stehen. Und
nun kommt die Huldigung an den neuen
König! Eine herrliche, von wahrer An-
dacht und Frömmigkeit dnrchhanchte Szene.
Wie fromm und kindlich ehrfürchtig ist
der älteste König, der sich auf das Knie
niedergelassen hat und voll inniger Liebe
und Zärtlichkeit den Fuß des göttlichen
Kindes küßt! Der zweite König schaut
mit innigstem Verlangen zu dem Kinde
hin. Am wenigsten gelungen ist Maria
mit Krone und Schleier. Beurteilen wir
die ganze Darstellung, so ist zu sagen:
die Szene leidet etwas an Ueberfüllung.
Das entsprechende Relief an der Pisaner
Kanzel ist einfacher, ruhiger ltub maje-
stätischer.

3. Relief: Darstellung im Tem -
pel und Flucht nacf) Aegypten. —
Nach der Meinung Fleurys (S. 62) ist
die Darstellung des Präsentatio nicht gut
gelungen und scheint namentlich in der
Hauptgrnppe weniger der Hand des Mei-
sters anzngehören, als die Umgebung
dieser Szene. Die Madonna ist etwas
plump; Simeon zeigt nicht die üb-
liche ehrwürdige Haltung, und das Kind
gibt sich dem Greise nicht so hin, rote in
den schöneren Darstellungen dieser Szene,
wo es sich ganz zu dem frommen Simeon
hinneigt uiib dabei auf seine Mutter
einen Blick voll Bedauern uub Mitleid
wirft. Dagegen aber ist der Schrift-
gelehrte (?) mit einem ausgezeichneten uub
ausdrucksvollen, fast wie lebenden Kopfe
sehr gut gelungen und eines Niceolo nicht
unwürdig, wie auch die entzückende Dar-
stellung des Tempels die Hand des Mei-
sters verrät. Auch Anna mit St. Joseph
ist bei der Präsentatio zu sehen; Anna
eine ältliche Frau, uub Joseph int Hinter-
grund, die Tauben tragend. St. Joseph
ist nicht weniger als dreimal ans dieser
Platte dargestellt; hier im Tempel, dann
das zweitemal, wie er im Schlafe, zu-

sammengekauert dasitzend, vom Engel ge-
weckt wird, ans daß er mit dem Kind
und seiner Mutter nach Aegypten fliehe.
Und dann sehen wir ihn ans der Flucht
begriffen; Maria, das Kind in den Armen
haltend, sitzt auf einem Esel. Rechts tut
Eck ist Herodes dargestellt mit seinen Rat-
gebern, wie er den Tod des Kindes bezw.
die Ermordung der Kinder Bethlehems
beschließt. — Auch dieses Relief wird in
seiner harmonischen und einheitlichen Wir-
kung durch das Allzuviel der Darstellnugeu
beeinträchtigt.

4. Relief: Kinderinord. — Auch
hier sind zwei Szenen dargestellt: Hero-
des im Hintergrund mit seinem Hof sitzt
auf dein Thron, der so hoch gestellt ist,
daß der König mit seinem Kopf an die
Einfassung des Reliefs anstößt. Unter
ihm als Hanptdarstellnng der Kindermord.
Es ist dies eine Szene voll dramatischer
Kraft und wildbewegt. Der Streit zwischen
den verzweifelnden Müttern und den grau-
samen Soldaten hat dem Meister wirklich
großartige Züge eingegeben.

Allerdings die Darstellung des Schmer-
zes gelingt ihm noch nicht recht; auch
fehlt die einheitliche Anordnung; das
Ganze fällt in einzelne Gruppen aus-
einander. Doch darf dieser Fehler bei
einem solchen Thema nicht so sehr betont
werden. Der Gegenstand selbst fordert
eigentlich die einzelnen Gruppierungen.

5. Relief: Kreuzigung. — Es ist
dieses Relief im Gegensatz zu den bisher
besprochenen ein einheitliches Bild. Christus
am Kreuz mit übereinander gekreuzigten
Füßen bildet den Mittelpunkt und scheidet
die anwesenden Personen; zur Rechten
stehen seine Freunde, zur Linken seine
Hasser. Maria, die Mutter des Ge-
kreuzigten, sinkt ohnmächtig nieder. Jo-
hannes weint und Maria Magdalena
bietet ein Gefäß mit Spezereien dar. Auf
der linkeu Seite erblicken wir die christus-
feindlichen Pharisäer und Schriftgelehrten,
welche in wildem Schrecken und Haß vom
Kreuz sich abkehren. Die Darstellung des
Schmerzes ist nicht recht gelungen, sondern
wird zu einem eigenartigen Lächeln. Ein
heruiederschwebender Engel bringt eine
Art Tempel (?); vielleicht soll dadurch der
Preis oer Erlösung: die Stiftung der
Kirche, angedentet werden. Ant Fuß des
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