Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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Bruchstück der Gerichtsdarstellung von der Balinger Holzdecke.

annähernder Lebensgröße, mit zwei großen,
abwärts geneigten Flügeln, weißem Unter-
gewand und gescheiteltem Haar. Der
Engel hat sich stark seitwärts geneigt und
bläst mit einer mächtigen Bewegung auf
einem gekrümmten weißen Horn '). Rechts
von dem Engel ist das Bruchstück einer
von roten Doppellinien eingefaßten Man-
dorla sichtbar, innerhalb deren von einer
sitzenden Person ein Teil des Oberkörpers
und Oberarms, des roten Obergewandes
unv ein in der Hand gehaltenes Kreuz
auf einer Kugel sich erhalten hat. Das
Fragment gehört einer abgekürzten Ge-
richlsdarstellung an: Christus auf dem
Regenbogen sitzend, den Kreuzesstab in
der einen Hand, von der Mandorla um-
geben, ist im Begriff, das Weltgericht über
die Menschheit zu beginnen; die Engel
künden den Beginn des Gerichts mit der
Posaune an^). Seitlich ist das Decken-

') Die naheliegende Vermutung, der Engel
könne das Symbol des Evangelisten Johannes
darstellen, ist abzuweisen, da der vom Munde des
stark seitlich geneigten Engels ausgehende Gegen-
stand nicht ein Schrifiband sein kann, sondern
zweisellos ein gekrümmtes Horn ist, ähnlich wie
auf dem Weltgerichtsbild in Burgfelden.

2) Das Kreuz in der Hand Christi findet sich
auf dein Apsidalbild der Kirche San Michele in
Affricisco, jetzt in Berlin (6. Jahrh.), auf einer

] stück eingefaßt von einer sehr breiten und
! reichen Bordüre, die sich aus kleinen
j Quadraten, Zickzackbänderu, bunten Halb-
kreisornaulenteu und einem großen Me-
daillon mit dem Fragment eines Brust-
bildes zusamnlensetzt. Die ganze Dar-
! stellung, von der nur ein verhältnismäßig
I kleiner Teil erhalten ist, muß ein ziemlich
großes Stück der Decke eingenomrnen
haben; wahrscheinlich war die Darstellung
der Majestas Doniini quadratisch oder ein
dem Quadrat nahekommendes Rechteck,
das von der meterbreiten Bordüre all-
seitig umschlossen war; in die Bordüre
waren Medaillons mit Brustbildern,
vielleicht der Apostel- oder Evangelisten-
zeichen eingefügt. In der Geschichte der
altchristlichen und frühromanischen Kunst
ist es ganz exzeptionell, daß die Welt-
gerichtsdarstellung an der Decke dargestellt
wird. Die Apside oder in späterer Zeit
die östliche Chorbogeliwand war der tra-
ditionelle Platz für das Gerichtsbild; mit
überraschender Regelmäßigkeit strahlt dem

Initiale des Codex Augiensis CLXI in Karls-
ruhe (Ende 10. Jahrhundert), Künstle-Beyerle,
Die Pfarrkirche St. Peter und Paul in Reichenau-
Niederzell, 1; 30; auf dem Einband des Evan-
geliars der Abtei Pouffay, Paris, Nationalbiblio-
thek. Ms. lat. 10514 (10. Jahrh.).
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