Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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Weise vollziehen konnte und gegen die
Unbill der Witterung genügend geschützt
war. Die eigentliche Kultkirche, die Ba-
silika konnte dafür nicht verwendet wer-
den. Die Ehrfurcht vor dem Gottes-
hause, welche gebot, die Pönitentes nicht
zuzulassen, verbot auch die Kalechumenen,
aus welche zueist der Erorzismas ange-
wendet werden mußte, in die Kirche ein-
zulassen. So ergab sich von telbst als
Auskuuflsmtttel, neben den Basiliken be-
sondere Gebäulichkeiten vorzusehen, die zur
„Initiativ", zur Vornahme der Dause
dienen konnten. Schon in den Haus-
kirchen war dieser Unterschied eingehalten
worden: während die liturgische Synaxe
in der „Basilica" der vornehmen christ-
lichen Häuser stattfand, wurde die Taufe
(Haustaufe) im Amum oder der Exedra
vollzogen. Dre Baptisterien niußten io
gebaut werden, daß sie sowohl der Taufe
Erwachsener, als der Kindertaufe dienen
konnten. Dementsprechend mußte die Pis-
cina so groß angelegt werden, daß die
Immersion der Erwachsenen darin vor
sich gehen konnte. Zwei Aenderungen in
der Spendung des Sakraments der Taufe
führten seit dem 8. Jahrhundert zu einer
Wandlung auch der Baptisterien: einmal
die Praxis der Kindertaufe, die immer
mehr zunahm, während gleichzeitig die
Taufe Erwachsener seltener wurde. Für
die Kinder aber war nicht mehr eine
große Piscina nötig, sondern es genügte,
zumal seitdem der Ritus der Untertauchung
durch den der ULpersio oder der irttusio
abgelöst wurde, eme Kufe, ein Taufbecken,
unr die Taufe zu spenden. Andererseits
wurde von da an die Taufe nicht mehr
nur an den bekannten Taufterminen
Epiphanie, Karsamstag und Pfingstsams-
tag in hochfeierlicher Weise, von der uns
die Reste der Taufliturgien dieser Tage
in unseren liturgischen Formularien nur
mehr ein schwaches Bild geben, gespendet,
sondern je nach Bedürfnis täglich in
privater, nicht feierlicher Form. Von den
Feierlichkeiten der alten Taustage kann
man sich einen kleinen Begriff nrachen,
wenn man bei Palladius in der vita
Chrysostomi Kapitel 9 liest, daß der
hl. Chrysouomus an dem Karsamstag,
an welchem er in seiner Kirche angegriffen
wurde, bereits 3000 Menschen getauft

hatte, während noch eine ganze Anzahl
von Männern und Frauen darauf war-
teten, in die Piscina zu steigen.

Doch kehren wir zu den Baptisterien
der allchristlichen Zeit zurück. Die Ge-
bäulichkeiten, welche als Baptisterien er-
richtet wurden, lassen nicht überall die-
selbe architektonische Fornl erkennen. Ge-
nieinsam aber ist fall allen die zentrale
Anlage, die jedoch variiert von der qna-
drallschen zur polygonalen, zur kreisrundeu
Fonn. Jedenfalls unterschieden sich die
Baptisterien schon frühe, wie räumlich
und der Lage nach, so auch architektonisch
voll der Basilika.

Hat diese zentrale Anlage eine tiefere
Bedeutung? Besteht vielleicht ein innerer
Zusammenhang zwischen der zentralen
Raiimidee und bem Zwecke, dem die
Baptisterien zu bienen haben, oder ist der
konsegilent sestgehaltene zentrale Raum
nur ein zufälliges Ergebnis historischer
Entwicklung? Alan wird wohl als wahr-
scheinlich oder mindesteils naheliegend be-
zeichnen können, daß der Vorgang der
röniischen Hausarchitektur, speziell das
Atrium mit denl Jnipluvinm, oder des
Bades als Vorgang gedient hat und be-
stimnlend wurde für die erste Form des
christlichen Baptisteriums. Es läßt sich
auch anuehmen, daß gewisse praktische
Erwäguugen für die Wahl der zentralen
Fornl maßgebend gewesen seien. Jeder
zentral gebaute Raunt hat zunächst deu
Vorteil, vou allen Seiten her ganz gleich-
mäßig auf einen Punkt hingeordnet zu
sein, den Blick auf diesen Punkt zu
richten, und das, was an deniselben voll-
zogen wird, als besonders oder einzig
bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, in
unserem Fall also den Blick und die Ans-
merksamkeit auf den Mittelpunkt zu kon-
zentrieren, aus die in der Mttte sich voll-
ziehende Taushandlung.

Aber es möchte scheinen, daß daneben
auch noch ein tieferer, in der Raumsym-
bolik gelegener Grund für die Auswahl
zentraler Anlagen als Tauskirchen mit-
gesprochen habe. Vielleicht ist folgendes
der Erwägung wert: Die Baplisterieit
haben ihren zentralen Charakter mit den
Grabbauten gemeinsam. Der zentrale
Raum, zumal ivenn er von oben das
Licht empfängt, hat das Gepräge einer
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