Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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2. Der Engel erscheint den Weisen im
Traum (lrnks). 3. Der Engel erscheint
dem hl. Joseph und mahnt ihn, mit dem
Kinde zu fliehen. Die Haupthandlung
tritt mächtig heraus; die beiden anderen
Darstellungen bilden gewissermaßen nur
das Postament zu derielben. Die drei
Könige sind verschieden alt dargestellt, wie
wir dies bei den meisten Kanzeln finden;
der erste ist schon ziemlich bejahrt, der
zweite steht in mitileren Jahren, der dritte,
bartlose, ist noch jung. Der älteste in
einem prächtigen Gewand, dessen reiche
Aermelspitze besonders ansfällt, ist auf die
Kniee gesunken und küßt tu inniger Liebe
und heiliger Ehrsurcht den Fuß des Jesus-
lindes, das, aus dem Schoß Marrens
sitzend, seine Gabe huldvoll angenommen
hat. Von inniger Schönheit und Hold-
seligkeit ist die Mutter des göttlichen
Kindes. Wie neigt sie sich, erfreut über
diese Hnldigilng, zu dem greisen Könige
voll Grazie herab. Durch alle Glieder
ihres Leibes bis hinein in den Blick ihrer
Augen, deren seeleiivolle Tiefe man zu
seheii glaubt, fiihlt man die freudige Er-
regung über die Anbetung der drei Weisen
zittern. Welcher Fortschritt gegenüber
dem Vater Niccolo im Bapt. §n Pisa.
Dort ist Maria dargestellt wie eine vor-
nehme Königiil oder heidnische Göttin, die
kein Ange hat für den anbetenben König,
sondern stolz nnb kalt in die Ferne
blickt! Die drei Könige werden durch einen
großen Engel geführt; der Stein trägt
ein menschliches Antlitz. Oben links in
der Ecke sehen wir zwei prächtige Pferde-
köpfe. Charakteristisch für Giovanni ist
der jüngste König, der mit einer gewissen
Nonchalance seine Gabe unter dein Arm
trägt.

Die zweite Handlung: Erscheinung des
Engels und sein Gebot an die drei Weisen:
der Engel gebietet voll Majestät den drei
Weisen, einen andern Weg in ihre Heimat
einzuschlagen. Die drei Könige tragen
auch im Schlaf ihre Königskronen. —
Weniger schön ist der Engel in der drit-
ten Szene bei St. Joseph. Dagegen ist
die Figur des hl. Joseph sehr natur-
getreu dargestellt; das behagliche Dalregen
im Schlafe verrät wieder den Naturalisten
Giovanni.

3. Relief: Kindermord in Beth-

lehem. — Wohl hat auch Giovannis
Vater in Siena diese Szerre geschildert;
aber seine Darstellung des Kindermordes
reicht an die seines Sohnes nicht heran.
Hier ist, wie Springer (p. 11) ganz richtig
hervorhebt, alles von viel mehr Leiden-
ichaft getragen; die einzelnen Personen
treten viel ungestümer und leidenschaft-
licher aus, die Bewegungen sind durchweg
alle lebendiger, die Haltung, insbesondere
der Nebenfiguren, welche er nicht bloß
zur Füllung des Raumes, ioudern zur
reicheren nnb dramatischeren Darstellung
des Vorganges einführt, ist vrel natür-
lrcher. Es ist, als ob der Stein Leberr
bekornmen hätte, als ob ihnr die rueusch-
liche Leidenschaft eingehaucht worden wäre.
— Oben rechts in der Ecke sitzt etwas
vorgebeugt der larigbärtige Herodes mit
der Königskrone. Seine Gestalt und sein
Antlitz ist im großen und ganzen edel,
aber von Zorn durchglüht. Die geballte
Faust des linken Armes zeigt sehr leben-
dig den larig verhalterreu Grimrn au.
Es urugeben ihn seine Ratgeber, deren
markige Gesichte einen fast wie lebend an-
seheu. Hinter dem König, nur noch mit
dem Kopf und der linken Schulter sichtbar, ein
Soldat. Und dann der Kindermord selbst!
Welche Dramatik liegt in dieser Szene;
wie mächtig ergreift sie uns, ohne irgend-
wie durch ihre lieberfülle uns abznstoßeu.
Einzelne Szenen sind geradezu hervorra-
gend schön zu nennen; so die aus den
Knieen liegende und den grausamen
König anflehende Mutter, ferner die drei
Mütter, ganz unten, die ans dein Boden
sitzend jede mieber in anderer Stellung und
Geste ihre toten Kinder beweinen. Wie schön
ist besonders die Mutier in der rechten
Ecke, die in wildem Schmerz ihre Haare
ausgelöst hat und des Köpfchen ihres toten
Lieblings mit der rechten Hand zrr sich
emporhebt! Sehr wirkungsvoll ist auch
die Szene, wo der weit ausschreitende
Soldat der mit ihrem Kinde sich flüch-
tendeir Mutter nacheilt. In der linken
Ecke oben, vielleicht als Pendant zu He-
rodes gedacht, steht ein wilder Soldat und
hebt mit Mordlust das arme Kirrd an den
Füßen irr die Luft hinaus, um es dann
mit dem jetzt allerdings fehlenderr Schwert
zu durchbohren. — Ist auch die Dar-
stellung des Schnrerzes manchmal über-
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