Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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trieben, so ist doch ein merklicher Fort-
schritt gegenüber Niccolo zu konstatieren.
Nur wenn Giovanni allzu naturalistisch
wird und wirkt, dann befriedigt er uns
nicht mehr ganz. Aber sein dramatisches
Talent hat er in dieser Szene ans glän-
zende Weise dokumentiert.

4. Relief: Christus am Kreuz. —
Der Erlöler ist schon tot; er hat sein
Haupt geneigt und das große Werk der
Erlösung vollbracht. Es umschweben ihn
andelende Engel, von denen einer den
Tod oder den Teufel fernhält, dessen Reich
jetzt zerpört ist. Unter dem Kreuze Jesu liegt
der Tolemchädet; neben ihm stehen die
Kreuze der beiden Schächer, die hier zum
eiftenmal dargestellt sind. Auf der rechten
Seile des Kreuzes, von Christus aus ge-
sehen, ist Maria ohnmächtig niedergesuukeu
und wird voll Johannes und ben heiligen
Frauen ausgefangen. Ergreifend schön ist
die zum gestorbenen Heiland aufschaueitde
Frauengestalt, wohl Magdalena. Links
vom Kreuze fiiib die Pharisäer und Schrift-
gelehrten, die zunl Teil noch höhnen und
spolten, zum größeren Teil aber entsetzt
und erschreckt davoueileu. Einer voll
ihnen hat die Hände über das Gesicht zu-
samiueugeschlageu; es ist mehr das Ent-
setzen, vielleicht auch die aufkeimelide Reue,
als das Spotten und Verhöhnen dar-
gestellt. Der rechte Schächer ist bartlos
und hat eitlen ganz eingedrückten Leib,
während der kilike Schächer durchaus liichl
häßlich gezeichliet ist. Giovanni hat in
diesem Relief eine ganz würdige Dar-
stellung des blutigen Dranias auf Kal-
varieus Höhen gegeben; auch hier verrät
sich sein hohes dramatisches Talent.
Schniarsow gibt in seinen Toskanischen
Forschungell eine ergreifende Schilderung
dieses Reliefs. Zunächst vergleicht er den
Christus Riccolos mit dem Giovannis und
sagt (p. 146/147): „Giovanni gibt bis auf
wenige Zutaten genau dieselbe Komposi-
tioll wie Niccolo au der Kalizel zu Pisa.
Aber welch ein Unterschied in allen Tei-
len ! Der Christus seines Vaters war
ein Göttersohli, eine Hünengestalt, die man
ans Kreitz genagelt, ohne ihre Schönheit
lind Mauneswürde zu verletzen, und ein
König bleibt es, der gestorben. Der
Christus des Sohnes hat für das Leben
fckvli von Mutter Natur mir spärlich die

Gaben entliehen, nur so viel scheint es,
nm unter den Erdenkindern zu waudelil
und ihnen die Nichtigkeit alles Fleisches
zu predigen. Jlu Tode vollends erscheint
der nacfte Körper, der am Holze hängt,
nur wie ein armes, gebrechliches Gefäß
aus Haut und Knochen — eilt Jammer-
bild. Die Brust ist eingefallen, der Leib
geknickt, der gange schwache Bau zusam-
mengesuuken. Nur das Haupt, das zur
Seite geneigt vornüber hängt, bewahrt
ill den edlen, durchgeistigten Formell selvst
im Elend noch ein Hoheitszelcheu. Die
große Seele, die mit ihrer Liebe die Welt
umsaßt, entfloh aus diesem dürftigen Ge-
häuse — das sagt der Anblick, das will der
Meister eben sagen. Doch nicht genug; der
Kliegskuecht mit der Lanze ist gerade im
Begriff, das Eiseli in die Seite des Ge-
kreuzigten zu stoßen, lind links und rechts
hängen auch die Sünder, die mit ihm
alis Kreuz gebracht worden, nnb blicken,
hier mitleidig und fromm, dort hadernd
und verstockt, auf den Dulder, der mm
ausgekänipft in ihrer Mitte. Das ist die
Zutat, die Giovarilii zur Steigerung der
Schiuach und Not hier einführt, unl seine
Gläubigell noch stärker zu erschüttern.
Und Elltsetzeu erfaßt die nerfamHielten
Juden unter dem Anblick des Mor-
des. Wie vonl Sturm gejagt, stürzen sie
hinaus; mir betroffen, furchtsam oder
schaudernd blicken einige sich um, zu
schauen, ob er tot sei, den sie hassen.
Zunl Geheli gewandt, streckt auch der
Hauptmauu Lorigilttls (?) die Hand aus,
um zu bekennen: dieser war Gottes Sohn !
— Drüben aber, wo die Seinen beieiu-
arider stehen, erhebt sich der Schruerz in
seiner gangen Stärke. Wie eilt schneidig
Schwert durchdringt er die Mutter, die
tödlich getroffen zusamiilenbricht. Beben-
den Kuiees sinkt sie in die Arme der
Frauen, die sie sorgend umgeben, und
haltend zugleich zunl Kreuz eniporsehen.
Johannes faßt ihre Hand, bemüht, an
Sohliesstelle tröstend teilzunehluen; aber
das eigene Weh verzerrt sein Antlitz, das
sich zum Herrn heruluweudet. Lauter
beim alle jammert Magdalena, mit auf-
gehobenen Arrneu, und richtet ihre Klage
wie völlig felbstvergessen an Den Toten hin."

(Fortsetzung folgt.)

Hiezu eine K u ust b e i l n g e.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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